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Der Kunstgriff: Cathy Marston choreografierte Ian McEwans "Atonement"

Hans Pfleiderer • 26. Mai 2024

Essay - bilingual

„Wir wissen alle, dass Kunst nicht Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können.“ Pablo Picasso

Die Faszination des Balletts und die innovative Kraft von Cathy Marston als britische Choreografin kommen besonders deutlich zum Ausdruck, wenn man ihr jüngstes Werk, eine Adaption von Ian McEwans Roman „Atonement“ (deutsch: „Abbitte“) aus dem Jahre 2001, betrachtet. An das gleichnamige, vielfach preisgekrönte Filmdrama von Regisseur Joe Wright aus dem Jahre 2007 sei hier auch verwiesen, besonders weil es um gewisse künstlerische Freiheiten geht, auf die ich später noch näher eingehen werde. Marston, die für ihre erzählerisch starken und emotional fesselnden Ballettproduktionen bekannt ist, brachte diese Hommage an das literarische Meisterwerk auf die Bühne des Zürcher Balletts, das sie seit Beginn der Spielzeit 2023/24 leitet.


Cathy Marston, 1975 in Newcastle upon Tyne, England, geboren, hat ihre Karriere als Tänzerin beim Zürcher, Luzerner und Berner Ballett begonnen, bevor sie sich mehr auf das Choreografieren konzentrierte. Ihr einzigartiger Stil verbindet Elemente des klassischen Balletts, wobei Spitzenschuhe nicht fehlen dürfen, mit zeitgenössischen Tanztechniken, um komplexe Geschichten auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Sie legt großen Wert auf narrative Klarheit und emotionale Tiefe, wobei sie Gestik und Mimik intensiv einsetzt, um die innere Welt der Charaktere darzustellen. Ihre Choreografien kombinieren die Präzision des klassischen Balletts mit der Expressivität des modernen Tanzes und sind oft eng mit der Musik verwoben, um eine tiefere emotionale Wirkung zu erzielen. Marston nutzt den Bühnenraum und das Bühnenbild kreativ und ermutigt ihre Tänzer zur Improvisation und Bewegungsforschung, die auch mal Möbel oder verschiedenste Requisiten mit einbeziehen, um individuelle, fließende Ausdrucksformen zu finden. Ihre Werke sind häufig von literarischen Werken, Biografien oder historischen Ereignissen inspiriert und streben nach physischer und emotionaler Authentizität, was ihre Choreografien sowohl narrativ als auch bewegungstechnisch komplex und tief bewegend macht. Einige davon sind „Jane Eyre“, „The Cellist“ und „Victoria“.


Bei einer öffentlichen Probe im Übungssaal und einer Kostprobe dieses neuen Projekts auf der Hauptbühne konnte ich am 16. September 2023 beim Eröffnungsfest zur Saisoneröffnung des Ballet Zürich einen ersten Eindruck von Marstons Arbeit gewinnen. Die Probe zeigte deutlich ihre Fähigkeit, mittels expressiver Gesten die psychologischen und emotionalen Aspekte der Charaktere durch Tanz auszudrücken. Diese Fähigkeit wurde auch von Andreas Homoki, dem Operndirektor, bei der Premierenfeier am 28. April 2024 hervorgehoben, als er sagte: „Cathy Marston verwendete einen Kunstgriff“, um die vielschichtige Narration des Romans in ihre Choreografie einzubinden. Die Reaktionen des Publikums, so wie ich sie oben auf dem Balkon mitbekommen hatte, waren gemischt, was teilweise auf die heterogene, fragmentarische Natur des Ausgangsmaterials und seiner Umsetzung zurückzuführen war. So fragte ich mich, ob es ohne Programmheft, vorherige Lektüre oder das Schauen des Kinofilms ausreichend sei, das Stück zu verstehen. Die erste Szene hatte etwas verspieltes, idyllisches und naives. Eine der Tänzerinnen, die ich sofort mit Briony assoziierte, durchschritt demonstrativ wie ein Kind den Bühnenraum. Geflüsterte Kommentare wie „Das ist eine Groteske!“ und „Verstehst du etwas?“ spiegelten die anfänglichen Schwierigkeiten wider, die einige Zuschauer hatten, die Geschichte zu erfassen. Behandelt das Buch doch ernsthaft und ohne jede Farce die Themen von Unschuld, Schuld, Macht und Vergebung, lies sich Marston leider dazu hinreißen, eine Reihe der typischen Klischees und Stereotypen von übertriebenen Gesten, die sowohl im Theater als auch in der Oper verwendet werden, zu verwenden.

Vor dem Schreiben meines Essays las ich den Roman aufmerksam durch, schon allein deswegen, weil ich den Meister persönlich bei der Premierenfeier auf der Hauptbühne traf und mit ihm locker über Gott und die Welt sprach. Ian McEwans Roman ist strukturell sehr durchdacht. Der Autor und sein Werk „Atonement” können als Vertreter der Postmoderne betrachtet werden, da sie meta-fiktionale Elemente, Intertextualität, komplexe Erzählstrukturen, Subjektivität und die Vermischung von Realität und Fiktion aufweisen. Der erste Teil des Buches, der in der Mitte der 1930er Jahren spielt, reflektiert die geordnete, routinierte Welt des englischen Landhauses und der Protagonisten an einem heißen Sommertag vor dem Einbruch des Chaos. Briony Tallis, eine der Hauptfiguren, schreibt diese Teile der Geschichte aus ihrer Perspektive und versucht, wie man später versteht, retrospektiv die Ereignisse detailliert zu rekonstruieren. Die nummerierte Kapitelstruktur kann als Versuch Brionys interpretiert werden, Ordnung und Klarheit in ihre Erinnerung und die Darstellung der Ereignisse zu bringen. Diese Struktur wird in den späteren Teilen, die während des Zweiten Weltkriegs und in den Reflexionen der erwachsenen Briony spielen, aufgeweicht, was die unsichere und turbulente Natur dieser Zeiten widerspiegelt. Der zweite Teil aus den Augen von Robbie Turner, der während den Anfängen des Zweiten Weltkriegs in Frankreich spielt, wechselt zu einem intensiveren, unmittelbaren, quasi dokumentarischen Stil. Die Struktur bricht durch die fehlende Nummerierung mit der vorherigen Ordnung und unterstreicht den Bruch in den Leben der Charaktere. Im dritten Teil des Buches, aus der Sicht Brionys als erwachsene Schriftstellerin, wird die Struktur noch freier, was ihre reifere, aber auch neurotische und weniger geordnete Sichtweise widerspiegelt. Diese strukturellen Entscheidungen von McEwan verstärken die thematische Komplexität und emotionalen Aspekte der Geschichte und kulminieren in einem Happy End der Liebenden. Wäre da nicht die berühmt-berüchtigte Coda, ein etwa 20-seitiger Epilog mit einem Geständnis und dem abscheulichen Vermächtnis unserer Heldin, unserer kaltblütigen Erfinderin, die es immer noch vorzieht, ihr Geheimnis der Diffamierung vor den Überlebenden der betroffenen Familien zu wahren und mit ins Grab zu nehmen. Robbie und Cecilia, wie zu erahnen war, sind schon lange tot. Und Brionys Wunsch, die Geschehnisse und die Akteure post mortem für alle Zeit auszulöschen, mag ihr auch gelingen. Denn sie wird dement. 


„Atonement“, was genauso gut „Indictment“ hätte heißen können, ist weder eindeutig ein psychologischer Diskurs noch eine reine Kriminalgeschichte, sondern ein vielschichtiges Werk, das Elemente beider Genres integriert. Der psychologische Aspekt des Romans zeigt sich in den tiefen Schuld- und Reuegefühlen der Protagonistin Briony Tallis, während die kriminellen Elemente durch die falsche Anschuldigung und die mangelnde Untersuchung der Wahrheit zum Ausdruck kommen. Zu den zentralen psychologischen Aspekten gehören der Konflikt, dass Brionys falsche Anschuldigung gegen Robbie Turner zu seiner Verurteilung als Vergewaltiger und der Zerstörung seines Lebensglücks mit ihrer Schwester Cecilia führt. Dies führt zu lebenslangen Schuldgefühlen und dem Wunsch nach Abbitte. Der Roman untersucht, wie diese Schuld ihr Leben und das Leben anderer beeinflusst. Brionys kindliche Missverständnisse und ihre spätere Reflexion darüber bleiben das zentrale Thema, das die subjektive Natur der Wahrnehmung und Erinnerung oder Interpretation im Gegensatz zur Realität untersuchen. Die Charakterentwicklung, insbesondere Brionys Übergang vom Kind zur erwachsenen Schriftstellerin, ist abrupt und von brutaler Selbstüberschätzung. Der Roman erforscht, wie ihre Identität und ihr Selbstverständnis durch ihre Taten und ihre Versuche der Wiedergutmachung geformt werden. Die kriminellen Elemente sind ebenso präsent. Die falsche Beschuldigung von Robbie Turner wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hat, und das willentliche Schweigen der Mitwisser sind die zentralen kriminellen Taten des Romans und der Antrieb für die gesamte Handlung. Dann ist da noch ein Brief, ein Indiz auf eine Literaturform des 19. Jahrhunderts. Wie in einer Kriminalgeschichte gibt es eine Untersuchung der Wahrheit hinter dem Verbrechen. Der Roman deckt nach und nach die Missverständnisse und Fehlinterpretationen auf, die zur falschen Beschuldigung geführt haben. Die Themen Gerechtigkeit und Strafe sind ebenfalls präsent. Die Frage, ob und wie Briony für ihre Taten büßen kann und ob Robbie und Cecilia Gerechtigkeit durch Abbitte erfahren, zieht sich durch die gesamte Geschichte, löst sich aber mit dem Verstand der vereinsamten Hauptfigur auf.


Marston übernahm im ersten Akt das Narrativ der Romanvorlage in abgespeckter Form und beschränkte sich auf die dominante Perspektive der heranwachsenden 13-jährigen Briony Tallis, die sukzessive totale Kontrolle und eine pathologische Boshaftigkeit an den Tag legt. Aber von ihrer kindlichen Unschuld und Kreativität als Jungautorin geht eine annähernd perverse Faszination aus. Ironischerweise liegt es nahe, dass sich Frau Marston mit diesem Mädchen und dem Charakter der Weltenzauberin identifiziert hatte. Nur so war es zu verstehen, dass aus einer introvertierten, ruminierenden Schriftstellerin in der Romanvorlage eine gefeierte Choreografin auf der Bühne geworden war. McEwan verwendet in seinem Roman eine komplexe, multidimensionale Erzählstruktur und spielt mit verschiedenen Perspektiven, was dem Werk zusätzliche Tiefe verleiht. Marstons Herausforderung bestand darin, dieses literarische Kaleidoskop und die emotionale Intensität in eine tänzerische Form zu übersetzen. Dabei wurde sie in kongenialer Weise durch die minimalistischen Abstraktionen des Bühnenbildners Michael Levine unterstützt. Sie verwendete für ihre Figuren typische Bewegungen, Gesten und Kostüme wie Signaturen, die sie beibehielten oder immer wieder wiederholten und unterstrich diese durch musikalische Leitmotive, die eingebettet in einer atmosphärischen Melange aus Stilen von der britischen Komponistin Laura Rossi komponiert wurden. Erst die Musik macht bekanntlich den Tanz lebendig. Als kleines Detail entdeckte ich, dass sich die Tänzer und Tänzerinnen entsprechend ihrem Alter am Schuhwerk unterschieden. Die Kinder und Jugendlichen trugen Schläppchen, die weiblichen Erwachsenen Spitze und die Männer Lederschuhe. Aber das sommerliche Vergnügen mit hübschen kindlichen Darbietungen eskalierte schnell zu einem hitzigen Rausch an Gefühlen zwischen dem jungen Mann Robbie, dem Sohn der Magd, und Brionys älterer Schwester Cecilia. Ein leider viel zu formales Pas de deux endet erwartungsgemäß in einer leidenschaftlichen Liebesszene. Bald aber überschlugen sich die Ereignisse, als die beiden kleinen Jungen verschwanden und die Vergewaltigung des Mädchens Lola die Klimax des ersten Aktes bildete. Robbie, der in den Augen der eifersüchtigen Briony einen lüsternen Triebtäter darstellte, wird zu Unrecht beschuldigt und unter den verzweifelten, aber vergeblichen Protesten von Cecilia von Polizistin abgeführt. Der Vorhang fällt. 

Der zweite Akt des Tanzstückes begann mit einer Wiederholung der Verhaftungsszene aus dem ersten Akt in einer Variation, die möglicherweise eine weitere Stufe der Erinnerung der Geschehnisse aus den Augen von Briony darstellte. Es fiel auf, dass immer wieder Figuren auftauchten, die beobachtend dabeistanden, wiederum von anderen beobachtet wurden und wir als Zuschauer dasselbe taten. Die selbe Methode der Überwachungskette wählte Marston in der darauffolgenden Szene, die eine stilisierte Tanzprobe zeigte, in der Tänzerinnen an der Stange probten. Neue Figuren schauen dem Geschehen zu, während im Hintergrund ein Männerensemble ein Bild vom Häftlingsalltag in Szene setzt. Diese Gruppe besteht aus 12 Tänzern, einer Lieblingsformation der Choreografin, die damit wahrscheinlich Ordnung ausdrücken wollte. Diese Szene hatte sie allerdings dem Tanzstück als Erklärung beigefügt, was im Buch und auch im Spilefilm so nicht vorkommt. Robbies Haft kann man erahnen und ein radikales Weglassen spricht für die Ökonomie des Romanschreibens. Im Tanzstück ging es nahtlos in eine weitere hinzugefügte, erläuternde Szene über. Sie zeigt eindringlich die Rekrutierung der Insassen durch die Britische Armee und stimmte uns auf den bevorstehenden Krieg ein. Er fordert Soldatenopfer und zurückgebleibene, trauernde Frauen und Mütter, die Hoffnungen hegten, ihre Liebsten jemals wiederzusehen. Das hofft auch Cecilia, die zu Kriegszeiten zuhause als Krankenschwester diente und auf Robbie wartete. „Ich warte auf dich. Komm zurück.“ Briony spielte immer wieder Gott, indem sie viele Rollen übernahm. Mal war sie kindliches Protegé, dann Choreografin mit Gasmaske, was von einer Kuriosität, einem fotografischen Fundstück einer Tänzerin aus Paris von 1939, hergeleitet wurde, und die ständige Beobachterin. Sie unternahm sogar die Anstrengungen, sich ebenfalls als Krankenschwester verdient zu machen. Immer wieder im Verlauf des Stückes verwendete Marston Gruppenformationen von einem Dutzend Tänzerinnen, die in verschiedenen Variationen und Kombinationen mit Einzelcharakteren interagierten. Mal folgten sie konventionellen Abläufen, mal bildeten sie Formationen, die wie das bedrohliche Bild eines Stukageschwaders wirkten. Irgendwann regnete es theatralische Blutstropfen auf die Bühne, die für die vielen Gefallenen standen, die im Inferno des verzweifelten Rückzugs der britischen Truppen bei Dünkirchen ihr Leben ließen. Wer im sichtlichen Wirrwarr der Figuren und der Hektik der Choreografien noch mitkam, erkannte, dass das Vergewaltigungsopfer und der wahre Täter den Bund der Ehe eingingen, was ein weiterer Clou auf die Wahrheit darstellte. Der Ehezeremonie des Paares wurde ein Double, was zusammen eine Vergewaltigungsszene mimt, beigefügt.


Die Coda, der überraschende Kunstgriff, wurde im Tanzstück nach dem zweiten Vorhang, dem vermeintlichen Ende und obligatorischen Klatschen der Zuschauer, zum dritten Akt. Er wurde abweichend vom Buch sowohl im Kinofilm als auch im Tanzstück abgeändert, was man unter künstlerischer Freiheit verstehen könnte. Im Buch besuchte die mittlerweile 77-jährige Briony das ehemalige elterliche Anwesen, was zum Hotel umfunktioniert wurde, und hörte überraschenderweise ihr Erstlingswerk The Trials of Arabella, welches sie als 11-jährige verfasste. In einer kindlichen Lesung eines ihrer Großneffen versetzen ihre eigenen Worte sie in Verwunderung und Verzückung: „Ich hatte einen Zaubertrick erwartet, aber was ich hörte, klang übernatürlich.“ Dann gleitete sie in einen inneren Monolog ab und bekannte ihre Verbrechen. Im Film stellt sich Frau Tallis in einer Talkshow einem Fernsehmoderator und gesteht, dass auch ihr letztes Buch eine Lüge ist und die Wahrheit weder den Toten noch ihren Lesern dienlich sei. Im Tanzstück bediente sich Marston einem vom Dramaturgen Edward Kemp geschriebenen Text, der inhaltlich fast identisch ist mit dem Interview aus dem Kinofilm und als abgespielte Tonbandaufzeichnung aus dem Off tönte, welches einem filmischen Voiceover gleichkam. Leider wurde dadurch die Brillianz und Präzision der Romanvorlage in ein gefälliges Melodrama verwandelt. Damit haben beide, Regisseur und Choreografin, folgenden Satz aus der originalen Coda erfolgreich umgesetzt: „In ihrer Fantasie hat sie die Grenzen und Bedingungen festgelegt.“

Cathy Marston hatte mit ihrer Adaption von „Atonement“ versucht, die Raffinesse der Literatursprache in Gesten und Bewegungen zu übertragen, was in Anbetracht der Komplexität der Vorlage höchst ambitioniert, aber auch gewagt war. Literatur besitzt die einzigartige Fähigkeit, Gedanken durch Sprache in präzise Sätze, Worte und logische Strukturen zu fassen. Autoren können innere Monologe, komplexe Ideen und fein nuancierte Emotionen detailliert beschreiben und die Leser in die tiefsten Ebenen der Charaktere und ihrer Welt eintauchen lassen. Dies geschieht durch die bewusste Wahl von Wörtern, Satzkonstruktionen und dem Aufbau von narrativen Strukturen, die den Lesern ermöglichen, sich gedanklich und emotional mit den Inhalten zu verbinden. Da das Medium Film in der Regel auch mit Sprache operiert, basieren Filme meistens auf einem Buch und machen was ganz ähnliches. Im Gegensatz dazu drückt sich Tanz durch ein Repertoire von Gesten, Handlungsabläufen und Bewegungen aus, die aus verschiedenen Traditionen wie dem klassischen Ballett, der Moderne, der Oper oder dem Tanztheater stammen. Diese physischen Ausdrucksformen schaffen Stimmungen, Motive und Emotionen, die durch die synergetische Wirkung von Musik, Bühnenbild und Inszenierung verstärkt werden. Tänzer und Tänzerinnen nutzen die Körper als Instrument, um Geschichten zu erzählen und emotionale Zustände zu vermitteln, wobei jede Bewegung und jeder Schritt eine Bedeutung tragen sollte. Nichts ist zufällig. Die visuelle und auditive Dimension des Tanzes erlaubt es dem Publikum, die dargestellten Emotionen und Geschichten auf einer sinnlichen Ebene zu erleben, was Worte in der Regel überflüssig macht. Marston dagegen machte sich der Worte gleich an zwei Stellen untertan.


Zusammengefasst nutzt Literatur die präzise Macht der Sprache, um Gedanken und Gefühle direkt zu artikulieren, während Tanz durch körperliche Ausdrucksformen und die Integration von Musik und visuellem Design eine unmittelbare emotionale Erfahrung schafft. Beide Kunstformen haben ihre eigenen Mittel und Wege, um tiefe menschliche Erlebnisse zu vermitteln, und bieten einzigartige Wege, um die inneren und äußeren Welten der Menschen darzustellen. Ist die Brücke zwischen Literatur und Tanz vielleicht jene Brücke auf die Insel im Park des Landhauses, wo die nächtliche Gewalttat stattfand und für die man in der absoluten Dunkelheit der Realität Bilder der Inspiration sucht? Sowohl die narrative Komplexität als auch die emotionale Tiefe des Romans und seiner Adaptionen oder Inkarnationen fangen das auf beeindruckende Weise ein. Marstons Fähigkeit, Geschichten durch Tanz zu erzählen, setzte auf jeden Fall neue Maßstäbe für das narrative Ballett und zeigte, dass Ballett als erzählerisches Medium ebenso kraftvoll sein kann wie eine literarische Vorlage oder das Medium Film selbst. Die Stärke der Fiktion liegt gerade in der Vielschichtigkeit und in der Fähigkeit, verschiedene Genres, sowie narrative und thematische Elemente zu einem kohärenten und fesselnden Ganzen zu verweben.


Das ca. zweieinhalbstündige Stück ist eine Koproduktion mit dem Joffrey Ballet aus Chicago und noch bis Ende Juni 2025 am Opernhaus Zürich zu sehen.


Bildnachweis: Ballet Zürch Pressefotos - Admill Kuyler


https://www.opernhaus.ch/spielplan/kalendarium/atonement/2023-2024/





The artifice: Cathy Marston choreographed Ian McEwan's "Atonement"

Essay by Hans Pfleiderer, May 24, 2024

The fascination of ballet and the innovative power of Cathy Marston as a British choreographer are particularly evident in her most recent work, an adaptation of Ian McEwan's 2001 novel "Atonement". The award-winning 2007 film drama of the same name by director Joe Wright should also be mentioned here, particularly because it deals with certain artistic liberties, which I will discuss in more detail later. Marston, who is known for her narratively strong and emotionally gripping ballet productions, brought this homage of the literary masterpiece to the stage of the Zurich Ballet, which she has been helming since the start of the 2023/24 season.


Cathy Marston, born in Newcastle upon Tyne, England, in 1975, began her career as a dancer with Zurich, Lucerne and Bern Ballet before focusing more on choreography. Her unique style combines elements of classical ballet, certainly with pointe shoes, with contemporary dance techniques to bring complex stories to life on stage. She places great emphasis on narrative clarity and emotional depth, using gestures and facial expressions intensively to portray the inner world of the characters. Her choreography combines the precision of classical ballet with the expressivity of modern dance and is often closely interwoven with music to achieve a deeper emotional impact. Marston uses the stage space and sets creatively and encourages her dancers to improvise and explore movement, sometimes incorporating furniture or various props to find individual, fluid forms of expression. Her works are often inspired by literary works, biographies or historical events and strive for physical and emotional authenticity, making her choreographies both narratively and movement-wise complex and deeply moving. Some of these include "Jane Eyre", "The Cellist" and "Victoria".


I was able to get a first impression of Marston's work at a public rehearsal in the rehearsal hall and a taste of this new project on the main stage on September 16, 2023 at the opening party for Ballet Zurich's season opening. The rehearsal clearly demonstrated her ability to express the psychological and emotional aspects of the characters through dance using expressive gestures. This ability was also highlighted by Andreas Homoki, the opera director, at the premiere celebration on April 28, 2024, when he said: "Cathy Marston used an artifice" to incorporate the novel's multi-layered narrative into her choreography. Audience reactions, as I had witnessed them up in the balcony, were mixed, partly due to the heterogeneous, fragmented nature of the source material and its execution. So I wondered whether it would be enough to understand the play without a program booklet, prior readings or watching the movie. The first scene had something playful, idyllic and naive about it. One of the dancers, whom I immediately associated with Briony, demonstratively paced the stage like a child. Whispered comments such as "This is a grotesque!" and "Do you understand anything?" reflected the initial difficulties some audience members had in grasping the story. While the book treats the themes of innocence, guilt, power and forgiveness seriously and without any farce, Marston unfortunately got carried away with using a number of the typical clichés and stereotypes of exaggerated gestures known to be used in both theater and opera.


I read the novel carefully before writing my essay, if only because I met the master himself at the opening night party on the main stage after the show and chatted casually with him about anything under the sky. Ian McEwan's novel is structurally very well thought out. The author and his work "Atonement" can be seen as representatives of postmodernism, as they feature meta-fictional elements, intertextuality, complex narrative structures, subjectivity and the blending of reality and fiction. The first part of the book, set in the mid-1930s, reflects the orderly, routine world of the English country house and the protagonists on a hot summer's day before the onset of chaos. Briony Tallis, one of the main characters, writes these parts of the story from her perspective and, as is later understood, attempts to reconstruct the events in retrospective detail. The numbered chapter structure can be interpreted as Briony's attempt to bring order and clarity to her memory and account of events. This structure is softened in the later parts set during the Second World War and in the adult Briony's reflections, reflecting the uncertain and turbulent nature of these times. The second part, from the eyes of Robbie Turner, set in France during the early days of the Second World War, shifts to a more intense, immediate, quasi-documentary style. The structure breaks with the previous order due to the lack of numbering and emphasizes the break in the characters' lives. In the third part of the book, from Briony's point of view as an adult writer, the structure becomes even freer, reflecting her more mature but also neurotic and less orderly perspective. These structural choices by McEwan reinforce the thematic complexity and emotional aspects of the story, culminating in a happy ending for the lovers. Were it not for the infamous coda, a 20-odd page epilogue with a confession and the heinous legacy of our heroine, our cold-blooded inventor who still prefers to keep her secret of defamation from the survivors of the families involved and take it to her grave. Robbie and Cecilia, as you might have guessed, are long dead. And Briony's wish to erase the people involved and the players post mortem for all time may also succeed, because she becomes demented.


"Atonement", which could just as easily have been called "Indictment", is neither clearly a psychological discourse nor a pure crime story, but a multi-layered work that integrates elements of both genres. The psychological aspect of the novel is reflected in the protagonist Briony Tallis' deep feelings of guilt and remorse, while the criminal elements are expressed through the false accusation and the failure to investigate the truth. The central psychological aspects include the conflict that Briony's false accusation against Robbie Turner leads to his conviction as a rapist and the destruction of his happiness in life with her sister Cecilia. This leads to lifelong feelings of guilt and a desire for atonement. The novel explores how this guilt affects her life and the lives of others. Briony's childhood misunderstandings and her later reflection on them remain the central theme, exploring the subjective nature of perception and memory or interpretation as opposed to reality. The character development, particularly Briony's transition from child to adult writer, is abrupt and of brutal hubris. The novel explores how her identity and self-image are shaped by her actions and her attempts to make amends. The criminal elements are equally present. The false accusation of Robbie Turner for a crime he did not commit and the willful silence of confidants are the central criminal acts of the novel and the impetus for the entire plot. Then there is a letter, an indication of a 19th century literary form. As in a detective story, there is an investigation into the truth behind the crime. The novel gradually uncovers the misunderstandings and misinterpretations that led to the false accusation. The themes of justice and punishment are also present. The question of whether and how Briony can atone for her actions and whether Robbie and Cecilia will receive justice through atonement runs through the entire story, but resolves itself with the fading mind of the lonely woman.



In the first act, Marston adopted the narrative of the original novel in an abbreviated form and focused on the dominant perspective of the adolescent 13-year-old Briony Tallis, who gradually displays total control and pathological malice. But there is an almost perverse fascination with her childlike innocence and creativity as a young author. Ironically, it stands to reason that Mrs. Marston identified with this girl and the character of the worldly wizard. This was the only way to understand why an introverted, ruminating writer in the original novel had become a celebrated choreographer on stage. McEwan uses a complex, multidimensional narrative structure in his novel and plays with different perspectives, which gives the work additional depth. Marston's challenge was to translate this literary kaleidoscope and emotional intensity into a dance form. In doing so, she was congenially supported by the minimalist abstractions of set designer Michael Levine. She used typical movements, gestures and costumes for her characters like signatures, which they retained or repeated again and again, and underlined these with musical leitmotifs embedded in an atmospheric melange of styles composed by the British composer Laura Rossi. As we all know, it is the music that brings the dance to life. As a small detail, I discovered that the dancers differed in their footwear according to their age. The children and teenagers wore slippers, the female adults wore pointe and the men  leather shoes. But the summery fun with puppet theatre and lemonade quickly escalated into a heated frenzy of emotions between the young man Robbie, the maid's son, and Briony's older sister Cecilia, daughter of well-to-do family. An unfortunately far too formal pas de deux ends, as expected, in a passionate love scene. However, events soon came thick and fast when the two young boys disappeared and the rape of the girl Lola formed the climax of the first act. Robbie, who in the eyes of the jealous Briony was a lecherous sex offender, is falsely accused and taken away by the police to the desperate but futile protests of Cecilia. The curtain falls. 


The second act of the dance piece began with a repetition of the arrest scene from the first act in a variation that possibly represented a further stage of remembering the events through Briony's eyes. It was noticeable that characters kept appearing, standing by watching, being watched by others and we, the audience, doing the same. Marston chose the same method of the chain of surveillance in the following scene, which showed a stylized dance rehearsal in which dancers were rehearsing on the pole. New suspicious figures watch the action, while in the background a male ensemble stages an scene of everyday life in prison. This group consists of 12 dancers, a favorite formation of the choreographer, who probably wanted to express forced order. However, she had added this scene to the dance piece as an explanation, which does not appear in the book or the movie. Robbie's imprisonment was self-evident and a radical omission speaks to the economy of writing a novel. In the dance piece, there was a seamless transition into another added, explanatory scene. It vividly showed the recruitment of the inmates by the British army and prepares us for the impending war. It calls for soldiers' sacrifices and grieving wives and mothers left behind who had hopes of ever seeing their loved ones again. Cecilia, who served as a nurse at home during the war and waited for Robbie, hopes the same. "I'm waiting for you. Come back." Briony played God again and again, taking on many roles. At times she was a child protégé, then a choreographer with a gas mask, which was derived from a curiosity, a photographic find of a dancer from Paris in 1939, and the constant observer. She even made the effort to excel as a nurse as well. Throughout the piece, Marston used group formations of a dozen dancers who interacted with individual characters in different variations and combinations. Sometimes they followed conventional sequences, sometimes they formed formations that looked like the menacing image of a squadron of Stukas. At one point, theatrical drops of blood rained down on the stage, representing the many fallen soldiers who lost their lives in the inferno of the British troops' desperate retreat at Dunkirk. Those who were still able to keep up with the visible confusion of the characters and the hectic choreography realized that the rape victim and the real perpetrator had entered into a marriage, which was another clou on the truth. A double miming a rape scene together was added to the couple's marriage ceremony.


The coda, the surprising artifice or trick, became the third act in the dance piece after the second curtain, the supposed end causing the audience to their obligatory clapping. In contrast to the book, it was changed in both the movie and the dance piece, which could be understood as artistic freedom. In the book, the now 77-year-old Briony visits her parents' former estate, which has been converted into a hotel, and surprisingly listens to her first work, The Trials of Arabella, which she wrote when she was 11 years old. In a childlike reading by one of her great-nephews, her own words left her astonished and entranced: „I’d been expecting a magic trick, but what I heard had the ring of the supernatural." Then she slipped into an inner monologue and confessed her crimes. In the film, Mrs. Tallis confronts a television presenter on a talk show and confesses that her last book is also a lie and that the truth serves neither the dead nor her readers. In the dance piece, Marston used a text written by dramaturge Edward Kemp, which is almost identical in content to the interview from the movie and played as a tape recording from the off, which resembled a cinematic voiceover. Unfortunately, this turned the brilliance and precision of the original novel into a pleasant melodrama. Both director and choreographer thus successfully realized the following sentence from the original coda: "In her imagination she has set the limits and the terms."


With her adaptation of "Atonement", Cathy Marston had attempted to translate the sophistication of the literary language into gestures and movements, which was highly ambitious but also daring given the complexity of the original. Literature has the unique ability to express thoughts through language in precise sentences, words and logical structures. Authors can describe inner monologues, complex ideas and finely nuanced emotions in detail and immerse the reader in the deepest levels of the characters and their world. This is done through the deliberate choice of words, sentence construction and the building of narrative structures that allow readers to connect mentally and emotionally with the content. Since the medium of film usually also operates with language, films are usually based on a book and do something very similar. In contrast, dance expresses itself through a repertoire of gestures, action sequences and movements that originate from various traditions such as classical ballet, modern dance, opera or dance theater. These physical forms of expression create moods, motifs and emotions that are reinforced by the synergetic effect of music, stage design and staging. Dancers use the body as an instrument to tell stories and convey emotional states, whereby every movement and every step should carry a meaning. Nothing is accidental. The visual and auditory dimension of dance allows the audience to experience the emotions and stories portrayed on a sensory level, which usually makes words superfluous. Marston, on the other hand, deployed words in not less than two places.


In summary, literature uses the power of language to articulate thoughts and feelings directly, while dance creates an immediate emotional experience through physical expression and the integration of music and visual design. Both art forms have their own means of conveying deep human experiences and offer unique ways of portraying people's inner and outer worlds. Is the bridge between literature and dance perhaps that literally bridge to the island in the park of the country house where the night-time violence took place and for which images of inspiration are sought in the absolute darkness of reality? Both the narrative complexity and the emotional depth of the novel and its adaptations or incarnations capture this impressively. Marston's ability to tell stories through dance certainly set new standards for narrative ballet and showed that in our times ballet as a narrative medium can be just as powerful as a literary source or the medium of film itself. The strength of fiction lies precisely in its complexity and its ability to weave different genres as well as narrative and thematic elements into a coherent and captivating whole.


The approximately two-and-a-half-hour piece is a co-production with the Joffrey Ballet from Chicago and can be seen at Opernhaus Zürich until the end of June 2025.


Picture credits: Ballet Zurich press photos - Admill Kuyler


https://www.opernhaus.ch/spielplan/kalendarium/atonement/2023-2024/

Schreibkram - paperwork

von Hans Pfleiderer 30. März 2025
Der Populismus ist ein immer wiederkehrendes Phänomen. „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“ Dieses oft Mark Twain zugeschriebene Zitat beschreibt treffend die aktuelle politische Lage in Deutschland und Europa. Populismus ist keine neue Erfindung, sondern ein Phänomen, das in Zeiten der Unsicherheit immer wieder an Kraft gewinnt. Er lebt von Ängsten, Krisen und dem Misstrauen gegenüber den Eliten – und genau diese Bedingungen sind derzeit gegeben. Während Deutschland auf die nächsten Wahlen zusteuert, stehen viele Menschen vor der Frage: Weiter so oder ein radikaler Wandel? Die Ampel-Koalition taumelt von einer Krise in die nächste, die Wirtschaft stagniert, und viele Bürger fühlen sich von der Politik nicht mehr repräsentiert. In diesem Klima florieren populistische Strömungen, die einfache Antworten auf komplexe Fragen versprechen. Doch ist das wirklich der Ausweg? Und der Populismus ist eine historische Konstante. „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“ Dieser Satz, der oft Gustav Heinemann zugeschrieben wird, mahnt zur Wachsamkeit gegenüber populistischen Bewegungen, die mit demokratischen Mitteln an die Macht kommen – aber oft wenig Interesse an demokratischen Prinzipien haben. Schon in der Antike nutzten Demagogen in Athen und Rom die Unzufriedenheit des Volkes, um gegen die herrschenden Eliten zu mobilisieren. In der Weimarer Republik waren es sowohl linke als auch rechte Populisten, die das Vertrauen in die Demokratie untergruben. Heute erleben wir eine neue Welle: In Deutschland, Frankreich, Italien, den USA – überall gewinnen populistische Parteien an Einfluss. Populisten teilen dabei stets eine zentrale Erzählung: „Wir gegen die da oben.“ Sie präsentieren sich als Stimme des „wahren Volkes“ gegen eine abgehobene Elite, die angeblich die Interessen der einfachen Bürger verrät. Dabei bieten sie einfache Lösungen an, die in der Realität oft nicht umsetzbar sind. Wenn die Mitte versagt, jubeln die Extreme. Ein Blick in den Bundestag zeigt, wie weit die politische Debatte inzwischen eskaliert. Wer sich die Redebeiträge der letzten Monate angehört hat, dem dürfte besonders der Auftritt eines bekannten FDP-Abgeordneten im Gedächtnis geblieben sein, der die Grünen als „wirtschaftsfeindliche Verbotspartei“ bezeichnete – und dabei sogar Applaus aus Reihen der CDU erhielt. Ein Bruch mit den bisherigen Koalitionspartnern, der nicht mehr kaschiert werden konnte. Wenige Wochen später konterte ein grüner Minister mit einer kaum verhohlenen Drohung: „Wenn wir nicht konsequent handeln, werden künftige Generationen uns nicht nur unsere zögerliche Klimapolitik vorwerfen, sondern auch den Verrat an der Demokratie.“ Man fragt sich, ob diese Regierung überhaupt noch eine gemeinsame Linie finden kann. Einer der denkwürdigsten Momente des vergangenen Jahres war jedoch eine Rede des AfD-Politikers Björn Höcke, der im Bundestag gegen die Ampel wetterte, während die Regierungsbank schweigend zusah. Die üblichen Empörungsrufe aus der Opposition verpufften – die AfD hatte die Bühne, die sie sich wünschte. Solche Momente zeigen, wie sich das politische Klima verändert hat: Während die etablierte Politik mit sich selbst ringt, nutzen die Populisten geschickt die Schwächen des Systems. Der gegenwärtige Populismus gärt in Deutschland und Europa gleichermaßen. „Die Mitte wird kleiner, die Extreme werden lauter.“ Dieser Trend zeigt sich in vielen Ländern Europas, aber besonders in Deutschland. Die wirtschaftliche Unsicherheit der letzten Jahre hat tiefe Spuren hinterlassen. Die Energiekrise, der Fachkräftemangel und die hohe Inflation belasten viele Haushalte und Unternehmen. Zugleich haben Themen wie Migration, Klimaschutz und Identitätspolitik die Gesellschaft tief gespalten. Wer sich nicht gehört fühlt, sucht nach Alternativen – und findet sie oft bei populistischen Parteien. In Deutschland ist es vor allem die AfD, die von dieser Entwicklung profitiert. Sie inszeniert sich als Partei der „Vergessenen“, obwohl ihre Lösungen meist nur aus Protest bestehen, nicht aus konstruktiver Politik. Doch auch in anderen politischen Lagern gibt es populistische Strömungen, die auf Vereinfachung und Polemik setzen, statt komplexe Herausforderungen realistisch anzugehen. Der Bruch der Ampel könnte man die Selbstzerstörung einer Koalition nennen. „Drei Parteien, drei Richtungen, null Gemeinsamkeiten.“ So könnte man die Ampel-Koalition auf den Punkt bringen. Von Anfang an war dieses Bündnis ein Zweckbündnis, nicht eine Koalition der Überzeugung. SPD, Grüne und FDP stehen für sehr unterschiedliche politische Ansätze – und das zeigt sich in ihrer Regierungsarbeit. Kaum ein zentrales Thema, bei dem sich die Ampel einig ist. Wirtschaftspolitik? Die FDP fordert Steuersenkungen, die Grünen setzen auf Transformation, die SPD sucht einen sozialen Ausgleich. Migration? Ein ständiges Tauziehen zwischen Realpolitik und Idealismus. Energiepolitik? Ein Flickenteppich aus Kompromissen, die niemanden wirklich zufriedenstellen. Und das Ergebnis ist naheliegend: Blockade, Frust und schwindendes Vertrauen in die Regierung. Ein Regierungsbündnis, das sich in öffentlichen Streitigkeiten zerlegt, stärkt letztlich nur die politischen Ränder. Die Menschen sehen eine Regierung, die nicht handelt, und wenden sich Alternativen zu. Doch wer glaubt, dass Populisten die besseren Antworten haben, irrt: Laut sein ersetzt keine Lösungen. Deutschland vor der Wahl: Wer übernimmt die Verantwortung? „Wer keine Vision hat, darf nicht führen.“ Deutschland steht mal wieder an einem Scheideweg. Die nächsten Wahlen werden darüber entscheiden, ob das Land einen pragmatischen Kurs in der Mitte einschlägt oder weiter in die politische Polarisierung abrutscht. Es gibt große Herausforderungen: Wirtschaftliche Stagnation, Fachkräftemangel, soziale Ungleichheit, Klimawandel, geopolitische Unsicherheiten. Diese Probleme lassen sich nicht mit einfachen Parolen lösen. Was nötig ist, sind pragmatische Lösungen, politische Führung und ein offener Dialog, der die Gesellschaft wieder zusammenführt. Dafür braucht es eine Politik, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Eine Regierung, die nicht in Krisenmodus verharrt, sondern eine klare Richtung vorgibt. Und eine Wählerschaft, die sich nicht von populistischen Versprechungen verführen lässt, sondern Verantwortung übernimmt – für sich selbst und für die Demokratie. Fazit: Populismus ist keine Antwort, sondern bleibt eine Illusion. „Demokratie ist mühsam, aber ihre Alternative ist schlimmer.“ Die Geschichte zeigt, dass Populismus selten die Probleme löst, die er anprangert. Er nutzt Krisen, aber er überwindet sie nicht. Er lebt von Empörung, aber bietet keine langfristigen Lösungen. Deutschland steht vor großen Herausforderungen – aber auch vor großen Chancen. Die Frage ist, welchen Weg es einschlägt. Setzt es auf Pragmatismus und Lösungen oder auf Populismus und Protest? Die Zukunft des Landes hängt davon ab, ob Politik und Gesellschaft bereit sind, die richtigen Antworten auf die schwierigen Fragen unserer Zeit zu finden. Quellenverzeichnis: Heinemann, Gustav. "Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf." Zitat, Ursprung nicht gesichert. Twain, Mark. "Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich." Zitat, zugeschrieben. Deutscher Bundestag. "Plenarprotokolle 2024/2025." Online abrufbar unter: https://www.bundestag.de Statistisches Bundesamt. "Wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland 2023/24." Wiesbaden, 2024. Bundeszentrale für politische Bildung. "Populismus in Europa: Ursachen und Folgen." Bonn, 2023. Müller, Jan-Werner. "Was ist Populismus?" Suhrkamp Verlag, 2016. FAZ. "Analyse: Der Zustand der Ampel-Koalition." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2025. Süddeutsche Zeitung. "Regierungsbilanz: Eine Koalition in der Krise." Artikel vom 12. Januar 2025. Spiegel Online. "Die AfD und der Aufstieg des Populismus." Online-Artikel, 2024. Zeit Online. "Extremismus in Deutschland: Eine Analyse." Artikel vom 5. Februar 2025. Management: medien@independentexperts.com
von Hans Pfleiderer 8. April 2024
In der faszinierenden Welt der Lyrik eröffnet der vorliegende Gedichtband der preisgekrönten Berliner Schriftstellerin Rike Scheffler neue Horizonte. Dieses Werk ist kein gewöhnlicher Gedichtband; es fordert, verblüfft und belohnt seine Leserinnen und Leser auf eine Weise, die so ungewöhnlich ist wie seine Autorin. Schefflers Sprache entfaltet sich nicht sofort in ihrer vollen Pracht. Stattdessen verbirgt sie sich zunächst hinter einer Fassade aus Symbolen, Bildern und Rätseln, die beim ersten Lesen Widerstand und Befremden hervorrufen können. Doch dieser anfängliche Unverstand lädt zu einer tieferen Auseinandersetzung ein, zu einer Reise, auf der man die nuancierte Schönheit und Sensibilität ihrer Verse entdeckt. Dieser Gedichtband ist mehr als nur eine Sammlung von Gedichten; er ist ein interaktives Erlebnis. Durch ein ungewöhnliches Layout und die Einbindung von farbigen Bildern, die der Leserschaft die Freiheit lassen, sie an vorgesehenen Stellen einzukleben oder nach eigenem Ermessen im Buch zu verteilen, wird ein einzigartiger Dialog zwischen Text und LeserInnen, zwischen Dichterin und Welt geschaffen. Rike Scheffler fordert uns auf, nicht nur passive Konsumenten ihrer Worte zu sein, sondern aktive Teilnehmer an der Gestaltung des Leseerlebnisses. Indem wir physisch in das Buch eingreifen, nehmen wir nicht nur von seinem Inhalt Besitz, sondern lassen auch seine Essenz von uns Besitz ergreifen. Ein Blick auf die Rückseite des Einbandes gibt die Inhaltsangabe preis und skizziert in sieben Kapiteln die Sammlung von Gedichten, die sich über verschiedene Zeiträume erstrecken. Jedes Gedicht oder Gruppierung ist von der Gegenwart bis in die ferne Zukunft einem bestimmten Zeitraum zugeordnet. 1 to do wird als zeitloses Gedicht präsentiert, während 2 kleine Energien und 3 Wasser werden, Wal auf das späte 20. Jahrhundert bzw. das erste Jahrzehnt des 3. Jahrtausends verweisen. 4 bergen und 5 vom doppelten Tod behandeln zukünftige Zeiträume wie 2100 bis 2127 bzw. das Jahr 2143. 6 Ankunft, pastell wird auf etwa 2210 datiert, während 7 Rituale in einer unbestimmten Zeit nach 2300 verortet wird. Diese Kompilation von Gedichten bietet einen Einblick in historische Perioden und Zukunftsvisionen, die in poetischer Form erkundet werden. Am Anfang der Kapitel werden Zitate von namhaften VertreterInnen von Literatur, Feminismus, Wissenschaft, Aktivismus, und Kunst vorangestellt. Das erste Kapitel wird durch ein Zitat der Afro-Amerikanischen Künstlerin und Essayistin Renee Gladman aus Atlanta, Georgia eröffnet: „The sentence is at once a map of where we have gone and where we wish to go.“ Hier wird vermittelt, dass Karten mehr als geografische Darstellungen sind. Sie symbolisieren und leiten unsere Lebensreisen, indem sie vergangene Erfahrungen mit zukünftigen Zielen verknüpfen und sowohl unsere persönlichen als auch kollektiven Geschichten und Ambitionen reflektieren. Vergangenheit und Zukunft sind miteinander verbunden, wobei unsere Erfahrungen und Handlungen unsere zukünftigen Bestrebungen beeinflussen. Nun zum ersten Gedicht:
von Hans Pfleiderer 25. März 2024
Wenn es Euch gefallen hat, dann schreibt bitte etwas! Danke
von Hans Pfleiderer 1. März 2024
Es ist immer wieder erstaunlich, wie geheimnisvoll manche Artikel bleiben, wenn es um etwas Geheimnisvolles geht. Und dasselbe gilt für Kunstausstellungen im Allgemeinen und der Ausstellung REVISIONS im Rautenstrauch-Joest Museum in Köln. Ich muss erwähnen, dass ich diesen Brief in situ von zu Hause schreibe und die Ausstellung nicht mit eigenen Augen gesehen habe, sondern mich auf den Artikel von Dr. Anette Rein in ExpoTime! Ausgabe Jan/Feb 2024 beziehe. Die Ausstellung thematisiert die Auswirkungen der europäischen Kolonialisierung auf die indigenen Völker Australiens, insbesondere die Warlpiri, die in Zentralaustralien leben. Sie betonen ihre tiefe spirituelle Verbindung zum traditionellen Land, wobei ihre Kunst die Notwendigkeit hervorhebt, identitäre Perspektiven zu integrieren und zu respektieren, die in westlichen historischen Narrativen fehlen. Die Warlpiri-Künstler nutzen vorwiegend die Punktemalerei, um ihre Geschichten und kulturelles Selbstverständnis auszudrücken und historische Verzerrungen ihrer Geschichte zu kritisieren. Die Ausstellung zeigt die Reinterpretation von Archivmaterial und historischen Fotografien durch die Warlpiri-Künstler, um ihre Sichtweise auf die australische Geschichte zu präsentieren. Sie schaffen neue Erzähl- und Bildformen, um die komplexen Beziehungen zu ihren Vorfahren und Traumpfaden, in ihrer eigenen Sprache "jukurrpa" genannt, darzustellen. Besucher werden ermutigt, die Grenzen westlicher Wissensansprüche zu hinterfragen und die Welt aus indigenen Perspektiven zu betrachten.
von Hans Pfleiderer 20. Februar 2024
Der amerikanische Künstler Doug Aitken ist im Sindelfinger Schauwerk zu sehen. Das Schauwerk ist ein Privatmuseum des im Jahre 2015 verstorbenen Industriellen Peter Schaufler, welcher als Geschäftsführer des Unternehmes BITZER Kühlmaschinenbau GmbH, dem weltweit größten Hersteller von Kompressoren für Kälte- und Klimaanlagen, ein leidenschaftlicher Sammler zeitgenössischer Kunst war. Zu seinen Lebzeiten avancierte er mit über 3500 umfangreicher Werke zu den bedeutendsten Privatsammlern in Deutschland und vermachte seine Sammlung der 2005 gegründeten Schaufler Foundation. Zeitgenössische Kunst umfasst die Kunstwerke, die in der Gegenwart oder in jüngerer Zeit seit den 1960er Jahren entstanden sind und die Vielfalt und Aktualität der kulturellen Landschaft widerspiegeln. Als grundsolider Schwabe lebte er nach dem Motto „Zusammenführung von Unternehmertum mit Wissenschaft, Forschung und Kunst“ und stiftete mit dem Bau eines Museums, dem Kuratieren und der Kunstvermittlung seine Kunstwerke sozusagen der Öffentlichkeit. Jetzt stehe ich vor dem Dilemma, dass ich nicht genau weiß, was ich über diesen 55-jährigen Mann aus Kalifornien schreiben soll, über diesen weltberühmten Künstler, dem seit seiner preisgekrönten Videoinstallation «Electric Earth», die er 1999 anlässlich der 48. Biennale in Venedig ausgestellt und für die er den Goldenen Löwen bekommen hatte, die Lobeshymnen in die Ohren schallen und die Preise und Auszeichnungen aus den Ohren quellen. Das gilt auch für die Preise, die er mittlerweile aufrufen kann. In der großflächigen Fertigungshalle des ehemaligen BITZER Stammwerkes stellt das Museum in einer großen Einzelausstellung mit dem Titel „Return to the real“ vier seiner Arbeiten vor. Die Erste ist Wilderness von 2022, eine Videoinstallation auf runden Leinwänden. Zu Beginn der Corona-Pandemie nahm Aitken Videos vom täglichen Leben am Strand in der Nähe seines Hauses in Los Angeles auf. Diese Videos wurden mit künstlich generierter Musik hinterlegt und zeigen einen durch Landschaftsaufnahmen und Szenen von Menschen am Strand in Zeitlupe den rhythmisierten Zyklus vom Sonnenaufgang bis zum Einbruch der Nacht. Ich selbst lebte über 10 Jahre an der Westside von Los Angeles und verbrachte viele Abende an eben diesem Strand. Die Menschen kommen, mich eingeschlossen, möglicherweise dorthin, um beim Beobachten des Sonnenuntergangs und beim Hören der tosenden, nicht enden wollenden Brandungsgeräusche über das Universum und den Lauf der Welt zu meditieren, um festzustellen, dass wir völlig insignifikant sind im Hinblick auf das großartige Spektakel. Und die Kommentare seiner Rezensenten, dass man in seine Arbeiten viel hineinlesen kann, wie z.B. dass seine Installationen die Verschmelzung von digitalem und realem Leben sowie die Fragmentierung von Raum und Zeit durch die Digitalisierung reflektieren, sogar Fragen zur Identität, Kommunikation und Entfremdung in der modernen Gesellschaft stellt und als Metapher für zwanghafte Migration aufgrund von Notlagen dient, teile ich kategorisch nicht. Die Fernsehnachrichten können das deutlich besser. Die Zweite ist migration (empire) von 2008. Das Kunstwerk zeigt auf drei hintereinander stehenden Stahl-Billboards verlassene Städte und Landschaften, gefilmt in Motelzimmern quer durch die USA. Nordamerikanische Wandertiere erkunden die Zimmer, reagieren auf ihre Instinkte und interagieren mit den für sie künstlichen Umgebungen. Mir kommt da in den Sinn, dass der einst als kalifornischer Beachboy bezeichnete Doug Aitken eine Welt kreiert, die wie ein Shooting in einem Studio aussieht und sich mir die Frage stellt, ob er die Akteure bei der Talentagentur CAA in Hollywood angefragt hatte, weil sie entweder berühmt sind oder wie Models aussehen, die Tiere mit inbegriffen. Für mich ist das in keiner Weise eine Konfrontation mit Natur und Künstlichkeit, sondern eine durch und durch inszenierte Artifizialität. Der Künstler selbst ist der Meister seiner Künstlichkeit. Als ein Vertreter von Hollywood hat er sich mittlerweile auch den Klischees und Stereotypen unterworfen. Katinka Fischer von der FAZ nennt es parodistisch „Kreatur trifft Zivilisation.“ (FAZ, Künstler Doug Aitken, Der Waschbär im Motel von Katinka Fischer, 29.09.2023)
von Hans Pfleiderer 25. Mai 2023
I went to enjoy the Swiss premiere of "Lessons in Love with Violence", an opera composed by Sir George Benjamin with a libretto by Martin Crimp. It premiered in 2008 and has since gained critical acclaim for its powerful and gripping music. The opera tells a dark and complex story of love, power, and inevitable dramaturgic cruelty set in an unnamed court of the 18th century. Benjamin's score is characterized by its rich orchestration, intricate vocal writing, and a wide spectrum of musical styles that span from lyrical melodies to dissonant and angular passages. Also the characters seem to get more and more sucked in and caught up in tri-angular conflicts. The music effectively captures the dramatic tension and emotional depth of the narrative, making "Lessons in Love with Violence" a compelling and thought-provoking operatic experience. More, though, Sir George Benjamin's music is characterized by its meticulous craftsmanship and sonic beauty. He frequently employs vivid orchestration, with a keen sense of color and texture. Benjamin's compositions often explore timbral and rhythmic complexities, showcasing his mastery of contemporary techniques while maintaining a deep connection to emotive and eeire qualities. His works demonstrate a unique blend of modernity and tradition, combining innovative approaches with a profound understanding of classical forms and structures. The result is music that is intellectually stimulating, emotionally evocative, and highly captivating for both performers and listeners alike. The set by Rufus Didviszus could not transport me into the 18th century. Besides a pseudofeudal graffiti, wasn't it a time of great social reform shouting of Hume, Bentham and Berkeley? Again, the set was fixed and flat and could not gain any motion from dressing it with mobile stands with red stadium seating. Cheap, isn't it. Director Evgeny Titov from Kasakhstan, obviously fairly new to the opera business, could also not inspire his performers with contemporary guidance and gusto to avoid the typical clichees of his lead cast and raggedy-overdressed extras, which mostly moved like retards and zombies. Unfortunately I have been forced to yawn whenever the lead went down on his knees. I call it lead poisoning. Nevertheless I was particularly thrilled by Janine De Bique's and Ivan Ludlow's interpretation, which let me forgive and forget my overcritical thoughts for a time well spent. It's worth to go and experience for yourself.
von websitebuilder 22. Februar 2022
Im Herbst 1993 fing ich an der TU Berlin an, meine Diplomarbeit in Architektur zu schreiben. Basierend auf dem Entwurf einer vorherigen Arbeit eines Lichtarchitektur-Mediencenters, hatte ich anfangs vor, den Alexander Platz mit Wolkenkratzern gnadenlos vollzustellen, um dem ursprünglichsten Berliner Downtown eine würdevolle Skyline oder Kulisse zu geben. Es sollte doch endlich Schluss sein mit der Berliner Traufhöhe. Als Berliner Traufhöhe wird eine Traufhöhe von 22 Metern bezeichnet. Die Traufhöhe ergab sich im Zuge der Stadterweiterung Berlins im 19. Jahrhundert nach dem Hobrecht-Plan, um zu verhindern, dass bei Bränden umstürzende Fassaden gegenüberliegende Häuser beschädigen. Nur rund 0,35 Prozent aller 370.000 Berliner Gebäude (Stand Herbst 2019) sind höher als 35 Meter und überragen damit die Traufhöhe um 50 Prozent und mehr. Am 25. Februar 2020 vom Berliner Senat ein Hochhausleitbild beschlossen, in dem „die Berliner Traufhöhe von 22 Metern in der Innenstadt kein Dogma mehr sein“ sollte. Also begann ich, das Quartier zu besuchen, was ich ja seit einigen Jahren ungehindert betreten durfte. Kaum vier Jahre zuvor hatte ich während einer Exkursion entlang der S-Bahn Gleise im Stadtteil Wedding in die Läufe von Maschinengewehren geschaut und musste mich mit Todesdrohungen anschreien lassen, weil ich einem voll besetzten Wachturm zu nahe kam. Bei meinem Quartierbesuch stieg ich am Alexanderplatz aus und lief die Karl-Liebknecht-Straße Richtung Unter den Linden. Entlang am Interhotel, dem Fernsehturm, der Marienkirche, dem Roten Rathaus, dem stillgelegten Geisterhaus Palast der Republik und dem Berliner Dom erreichte ich die Museumsinsel.
von Hans Pfleiderer 5. August 2021
Janet M. Harvey is a very impressive woman, who started out in life with this handicap - a facial birthmark, which she likes to see as a flaw. Regardless, she made a career in a corporation in financial services - nothing less than Charles Schwab - to gain responsibility and success. And I am sure she became a team leader or an executive with her guts. After that she reached the top in another organization, the ICF - International Coaching Federation. Wouldn’t you trust a woman, whom you entrusted to work with your money also to work with you, too, particularly if you’re a corporate person or entrepreneur? Janet also wins us over with her brilliant intellect and poise. Her writing is flawless and entertaining. In a nutshell: for progressive company executive or creative team leader Janet Harvey coins it essential to be fully aware of themselves and the situation in their organization and the environment at large. She paints these resources for change with words or sentiments like awareness, awakening conscoiusness, autheticity, transparency, sovereignty, listening, mastery, emotional resilience, engangement, accountability, aspiration. Those stand for some of the basic ingredients for a refurbishing narrative or paradigm shift toward purpose, vision, and excellency igniting nothing less than social change and an evolutionary leap toward fulfillment and a higher meaning in our lives. But she over-uses lingo and catch phrases coming from new age or esoteric circles. At the tip of her system resides “sovereignty”, her special formula. Further we find wisdom from different traditions amongst one borrowed from zen master Suzuki Roshi, legitimate, if she gave him credit. Did she? In her arguments she remains mostly cerebral. That someone, who wants change, needs to change is a no brainer. Boiled down her method is best described in essence as "change of attitude”. The book could be useful for an initial taste for coaching clients and a nice read for trainees, who aspire to work and rise in the corporate world. But it lacks real depth and a selection of practical tools in the coaching practice. I wouldn’t recommend this book to aspiring coaches, who aim at becoming life coaches. That’s not her expertise.
von Hans Pfleiderer 11. Oktober 2020
Vor einem halben Jahrhundert unterwarf sich die Welt im Postmaterialismus einem Wertewandel. Aufklärerisch wurden Übergeordnetes und Abstraktes sinnstiftend betrachtet. Auch war die Postmoderne in vollem Swing mit ihrer Losung: „Alles geht.“ Wissenschaft und Technik revolutionierten sich abermals und schafften einen funktionierenden Frankenstein mit bahnbrechenden Entwicklungen, die wir heute als Smarte Technologien, künstliche Intelligenz und Genetik kennen. Der Kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan sagte in seinem bekannten Werk Das Medium ist die Botschaft : „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“ [1] Wäre dann nicht alles Geschaffene eine Veräußerung und Erweiterung des Schaffenden? Ist Kunst und Gestaltung eine über die körperliche Grenze hinausreichende Manifestation von individuellen Ideen und Gedanken? Ging die Medientheorie im letzten Jahrhundert nicht von der These aus, Medien seien neutral und transponieren Ideen oder Ideologien frequenzgerecht in den Äther? Wie ist Wahrnehmung überhaupt zu verstehen? In der Welt der Kuratoren und Szenographen wird heute weitläufig von symphonischen Raumkonzepten und Gesamtkunstwerken in der beliebten Anwendung in Museen und Expos gesprochen, um Gegenstände und Kulturerbe in Ausstellungen zeitgemäß zu präsentieren. Informationen können z. B. mittels verschiedener Medien abgerufen werden und vermögen Kontexte zu schaffen, die dem durchschnittlichen Besucher oder dem Fachpublikum Wissenswertes vermitteln. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht es Spezialisten, die von möglichst allem eine Ahnung haben. Das hört sich fast wie ein Paradoxon an, ist aber in besungenen Fachkreisen eine Grundvoraussetzung. Die noch relativ junge Disziplin der Szenografie ringt nach wie vor um Anerkennung und Kompetenzen. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Theater oder präziser bedeutet Bühnenbild und feierte ab den 1980er Jahren als innovativer Gestaltungshybrid und Berufstand erste Erfolge. Schnell folgten wegen der grossen Beliebtheit und Nachfrage prosperierende Studiengänge an europäischen Hochschulen. Diese Gattung besetzt mit ihren kommerziellen Berufsgestaltern die Schnittstelle zwischen Mensch und Objekt als ambitionierte Vermittler von allem, was in Museen, Messen oder Geschäften um Aufmerksamkeit kämpft. Ihnen sind keine Grenzen gesetzt in ihrer an Genialität grenzenden Kreativität und Macht, die Besuchermassen in den Bann zu ziehen. Dazu finden Methoden der Architektur, Werbung, Psychologie, Verhaltensforschung, Kommunikation, Theater, Kunst oder proprietäre Theorien und Strategien Anwendung. In der Branche werden viele bedeutungsschwere Worte gehandelt, um den geheimnisvollen Prozess der Schöpfung zu erklären und die passende Geschichte zu erzählen. So entstand ein ganz eigentümlicher Fachjargon, der von den Geisteswissenschaften beflügelt wird. Da wird rezitiert und rezipiert, mal als Sender, mal als Empfänger, da gibts Feedback, Formeln für Raum und Zeit werden errechnet und Verbindungen geschaffen wie in einer laboratorischen Versuchsanordnung, um der Wirkung der Medien auf den Mensch auf den Grund zu gehen. Aber welche Wirklichkeit meinen sie oder glauben sie zu schaffen? Im ersten Eindruck kommt das Szenografie Kompendium bunt und vielversprechend daher. Es bricht mit der Form von Einleitung, Hauptteil und Schluss. Stattdessen mutet es wie eine antike Tragödie über die Genesis der Berufskaste Szenografie an: Präludium, Prolog, Szenarium, Epilog, Nachruf. Zudem werden Überschriften wie Einblick, Rückblick, Überblick und Ausblick als Layer einer weiteren Zeitebene verwendet. Der graphische Stil des Buches spielt mit Textfragmenten, Losungen und einer Fülle Bilder. Was nicht gemacht wird, ist, mit klugen Sprüchen von Hofdenkern wie z. B. Adorno, Edison oder Einstein, die man sonst in Veröffentlichungen aus der Kreativsparte zu lesen bekommt, um sich zu werfen, mit der Ausnahme von drei kleinen Ausrutschern: ein typischer Höhenflug von Goethe, ein knapper Satz des Hermeneutikers Gadamer und ein vom Mensch entzückter Schiller [2]. Viel enigmatischer prangert am Anfang des Buches ein Ausspruch des spanischen Architekten Pedro Azara: „Die Szenografie vertauscht – verändert – die Wirklichkeit wie ein Spiegel. Sie verändert nicht nur das Erscheinungsbild, sondern vor allem das Wesen.“ Wessen ist hier gemeint? Ist das physisch oder metaphysisch zu verstehen? Die Gestalter verdingen sich als Experimentatoren, die verantwortlich auf die Wahrnehmung von Menschen einwirken. Wie verhält es sich mit der körperlichen Sensorik? Sie funktioniert visuell, auditiv, vestibulär, kinästhetisch, statisch, sensibil, taktil, trigeminal, olfaktorisch und gustatorisch [3]. Unter kognitiver Perzeption und Rezeption versteht man Zeitgefühl, Erkennen, Verarbeiten, Kontext, Systematik, Lernen, u.a. Gründe, einen Reiz verstärkt wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen sind persönliche Interessen, Erwartungen, bewusste Fokussierung sowie Schutzmechanismen auf Emotionen wie Angst, Freude, Schreck, Stress durch Reizüberflutung usw. Diese Bewertung beeinflusst die Lenkung der Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Sinnesreize. Veränderungen der Wahrnehmung geschehen implizit durch technische Geräte wie Leinwände, Optiken, Kameras, Sehhilfen, Hörgeräte oder Virtuelle Realität. Damit wird gespielt. Die Gefahr besteht in der Selbstüberschätzung der Entwickler, die Ambitionen oder einen Effekt verfolgen, mögliche negative Folgen unterbewerten und sogar vollständig ignorieren oder ein für sie notwendiges Urteil a priori gefällt haben. Das ist der Halo-Effekt (von Halo = Heiligenschein). Im Präludium beklagt die Autorin und Herausgeberin Dr. Petra Kiedaisch diejenigen, die sich suizidal mit Selfies auf der Bergspitze selbstinszenieren. Unergründlich? Wissen ist wie die Spitze des Eisbergs. Im Prolog werden mit der leitmotivischen Frage „Szenografie ist …“ Denkanstösse gesetzt. Programmatisch verspricht das Schweizer atelier oï im Auftakt „das Sichtbarmachen und Übersetzen einer Geschichte in ein dreidimensionales Raumbild“. Diese spontan anmutenden Definitionen, die von den Buchmachern als „kreative Störer“ eingesetzt werden, sollen uns in diesem Nachschlagewerk immer wieder begegnen. Regelmässig durchbrechen diese skizzenhaften Pointen von zirka drei Dutzend namhafter, meist männlicher Vertreter der Zunft aus dem deutschen Sprachraum den Fluss. Ein buchstäblich roter Faden mit roten Absätzen oder Kernaussagen zieht sich durch die glamouröse Welt der Akteure . 100 Beispiele der neuzeitlichen Gestaltungsgeschichte stehen hier für Meilensteine der Kultur der letzten 120 Jahre beginnend mit Errungenschaften der EXPO Paris im Jahre 1900. Im Szenarium kommen in 14 Kapiteln analog zu ebenso vielen Spezialgebieten zumeist Ausstellungsgestalter zu Wort. Angefangen bei Entwurfskonzepten, Dramaturgie, Interaktion, Kognition, Aktivierung aller Sinnesorgane besonders durch den Einsatz der Medien Licht, Bild, Ton und Grafik spannt sich der fachliche Bogen zu Besucherverhalten, Inklusion, Museumssicherheit und Planungsinstrumenten. Der Aufbau ist methodisch plausibel. Hier einige Highlights: Im ersten Essay des Hauptteils spricht Michael Ostertag von der Agentur Schmidhuber ausführlich über Entwurfsplanung und Kreativität mit einem Augenmerk auf Teamarbeit, Erfahrungswissen und Techniken, um Ideen zu entwickeln und zu visualisieren. Dabei ist ein individuelles Verstehen und neugieriges Beobachten der Welt eine wichtige Grundlage für das Gelingen jenes Prozesses: dem Schaffen von Neuem. Die Forscherin Tabea Schmid kommt zu dem Schluß, dass Wissen im praktischen Können liegt und favorisiert analoges Modellbauen, um mit dieser einfachen Arbeitshilfe ein Mittel zur Erklärung und Überzeugung in der Hand zu haben. Cordelia Oppliger schreibt über die Überlagerung von Kuration und Dramaturgie und wählt die Analogie eines mehraktigen Theaterstücks. Durch diese Anwendung können Exponate untereinander in komplexere Zusammenhänge gestellt werden und die Aufmerksamkeit der Betrachter bewußt gesteuert werden. Auch sie hat einen Hang zur Esoterik, wenn sie von Aura spricht, aber erwähnt rettender Weise nennenswerte Aspekte aus der Wahrnehmungsforschung. Auch im nächsten Aufsatz von Dr. Pablo v. Frankenberg sind Aura und Atmosphäre philosophisch gemeint, um die Magie der Erscheinungen zu erhellen. Die Mit-Herausgeberin Sabine Marinescu von PLOT zeigt in einem geschichtlichen Überblick auf, wie Exponate untrennbar mit Präsentationsmöbeln verbunden und einem radikalen Wandel des Geschmacks unterworfen wurden. Wurden früher unter Louis XIV. ganze Wände mit Gemälden zugepflastert und Objekte in Vitrinen verschlossen, findet man heute im Industriemuseum Chemnitz ganze Autos in Regalen wieder. Es folgen fachlich einwandfreie Beiträge zur Lichtgestaltung, dem Einsatz von Medien und der Analyse von Besuchererlebnissen. Prof. Joachim Sauter von ART+COM ist unbescholten der Meister im Fach der Interaktivität. Nicht nur bei ihm tönt der Lobgesang auf die Technik. Das Kapitel Sound, Geruch, Geschmack - die Macht der Sinne umfasst allein 30 Seiten. Besonders in der Werbung und Markeninszenierung darf heute alles genutzt werden, auch das Duftmarke-ting. Dr. Luise Reitstätter von der Universität Wien untersuchte eindrücklich das Besucherverhalten, was nicht immer mit den kuratorischen und gestalterischen Intensionen aufgeht. Die Bedürfnisse der Besucher und die Macht der Gewohnheit scheinen unbeirrbar zu bleiben und eine gewisse Lenkung des Besucherstroms ist nur mit einer gewissen Freiheit der Wahl möglich. Die nachfolgenden Kapitel sind passable Quellen für detaillierte Lösungen von Fragen der Inklusion, Sicherheit im Museum, Projektplanung, Kosten und Honorare. Im letzten Kapitel Dokumentation wird leider statt auf einen projektbezogenen Katalog inklusive technischem Leitfaden für die Betreiber zur Bedienung und fachgerechten Wartung von Anlagen mehr auf die PR Verwertung der obligatorischen Fotos in den üblichen sozialen Kanälen eingegangen. Im Epilog finden sich eine Menge wissenswerter Quellen zur Orientierung und Weiterbildung wie Webseiten, Magazine, Buchempfehlungen, Studiengänge, Institutionen, Wettbewerbe, Fachverbände, Messen und Veranstaltungen. Was kaum zur Sprache kommt, sind gesellschaftlich relevante Themen wie Gleichbereitung, Klimawandel, Kolonialismus, Rassismus, Migration, Terrorismus, Globalisierung oder Digitalisierung. Es bleibt zu bezweifeln, ob das Feel-good-Prinzip dieses Tischbeschwerers die junge Leserschaft, auf die das edukative Nachschlagwerk abzielt, auf der unwegsamen Durststrecke des Lesenmüssens abholt. Besonders Schatzsucher unter uns, die an neuen, gewagten Ideen und visionären Gedanken gefallen haben, werden bitter enttäuscht sein von den kultigen Erklärungsversuchen der Autoren. Da es um die Königsdisziplin der Gestaltungskunst, der Raffinesse und fortlaufenden Erkundung unserer menschlichen Sinne und Wahrnehmung geht, sollte man einen wissenschaftlich vertretbaren Standard der Argumente erwarten können. Wir vermuten, dass die Akteure alle Aristoteles gelesen haben, um sich auf die allgemein etablierte, immer wieder besungene Definition der Szenografie zu besinnen. Dabei werden viele Trendwörter wie Narrativ [4], Aggregat und Immersion verwendet, um die unmöglich zu beschreibenden Geistesblitze der Kreativität zu beschreiben. Dabei entdecken wir, dass die Autoren in ihrer Disziplin des Gestaltens Großartiges leisten, aber im Gedankenbauen und Schreiben leider mittelmässig abschneiden. Trotzdem nimmt die „Erzählung“ immer wieder Fahrt auf und der Leser wird mit einer thematischen Rundheit und einer Reihe fein geschliffener Texte belohnt. Diese sind in ihrer jeweiligen fachlichen Disziplin informativ und halten als empfohlener Leitfaden der einzelnen Spezialitäten - nicht coolinarisch gemeint - stand. Auch für die Erschaffung dieses aufwendigen Buches wurden viele natürliche und künstliche Ressourcen und Energie in Form von Menschen- und Maschinenzeit verbraucht. Die Spitze des Eisbergs … schmilzt. Falls nach dem Lesen Fragen bleiben, Ned Block bemerkte in seinem Buch Troubles with Functionalism : „Wie Louis Armstrong schon sagte, als man ihn fragte, was Jazz sei: Wenn du erst fragen musst, wirst du es nie verstehen.“
von Hans Pfleiderer 31. August 2020
Im September 2019 reiste ich zum ersten Mal nach Japan ins Land der aufgehenden Sonne. Anlass war meine Neugierde für Neues und meine Begeisterung als Architekt und Designer an fremden Kulturen. Ich verband meine Reise mit dem Besuch einer internationalen Konferenz von Museumsfachleuten in Kyoto. Als erfahrener Produktions- und Lichtdesigner wie auch Experte im Bereich Neue Medien suchte ich neue Kontakte und herausfordernde Projekte in der Museumswelt. Das Symposium fand unter dem Motto Museums as Cultural Hubs: The Future of Tradition im sagenumwobenen Kongresszentrum statt, in dem auf dem Weltklimagipfel 1997 das Kyoto-Protokoll zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaschutz beschlossen wurde. Neben Vorträgen und Workshops wurde auch über ein wichtiges Instrumentarium diskutiert und abgestimmt: Die Museumsdefinition. Und da ging es heftig und unentschieden zur Sache, weil die Delegierten keinen Konsens finden konnten. Manche Dinge brauchen wohl Zeit. Alles in allem war es eine inspirierende Reise. Das Debakel konnte meine Begeisterung für Museen jedoch nicht trüben und ich intensivierte meine fortlaufenden Studien. Nachdem ich kürzlich den Artikel ICOM zwischen Definition und Mission - Im Wechselbad von Ist und Soll von Anette Rein in MUSEUM AKTUELL (Ausgabe 262 von 2020) gelesen hatte, erinnerte ich mich an Kyoto. Ich stimme mit Frau Reins Deutung einer fragwürdigen Sinnkrise in Kultureinrichtungen überein, die an Identiätskonflikten zu zerbrechen drohen. Es geht immerhin um die Erklärung, „warum Museen ein unerlässlicher Bestandteil unserer globalen Lebenswelt sind.“ Das 20. Jahrhundert hatte der Menschheit zwei Weltkriege und eine enorme Zerstörung hauptsächlich Europas und weltweit fast 80 Millionen Toter beschert. Im August 1945 läutete der Abwurf von 2 amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki eine neue Ära menschlicher Zerstörungskunst ein. Im anschließenden kalten Krieg produzierten die Machtblöcke in Ost und West genügend nukleare Waffen, um die gesamte Menschheit und all ihre kulturelle Schönheit um ein mehrfaches auszulöschen. Im Paris des Jahres 1946 wurden sowohl die UNESCO - United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization - als auch die weit weniger bekannte ICOM, das International Council of Museums, orts- und zeitgleich als Partnerorganisationen gegründet mit dem deutlichen Ziel, durch den Kultur- und Bildungsaufbau einer internationalen Museumsarbeit den Frieden zu nähren. Somit haben diese Institutionen durch ihr kulturpolitisches Programm und Engagement einen entscheidenden Beitrag zum Wiederaufbau der befreiten Welt zu leisten. Die Ausrichtung und Einflusssphären der ICOM und der UNESCO sind unterschiedlich, aber es kommt auch zu Schnittmengen. Die UNESCO hat ihren Fokus auf Denkmäler und immaterielles Kulturerbe, welches in manchen Museen auch zum Schwerpunkt gemacht wird (siehe Jüdisches Museum in Berlin). Ich möchte das am Beispiel der UNESCO Definition von Natur- und Kulturerbe laut Wikipedia verdeutlichen: „In der UNESCO verschreiben sich 193 Staaten dem Schutz und der Bewahrung von Zeugnissen vergangener Kulturen, künstlerischen Meisterwerken und einzigartigen Naturlandschaften. Die UNESCO listet im Jahr 2018 insgesamt 1.092 Welterbe-Stätten in 167 Ländern. Darunter fallen Kulturdenkmäler, Naturstätten sowie gemischte Stätten.“ Natur- und Kulturerbe sind alle Ideen, natürliche Sachen oder Erscheinungen, die als ästhetisch, historisch, wissenschaftlich oder geistig bedeutsam erachtet werden und sich vor Kommerzialisierung und Folklorisierung schützen müssen. Allerdings werden die Aufgaben beider Institutionen in ganz unterschiedlicher Weise verwaltet. Die UNESCO hat ca. 2800 Mitarbeiter, die geleitet von einen Exekutivrat in 5 Regionen weltweit mit den entsprechenden nationalen Ministerien über Fragen der Erziehung, Wissenschaft und Kultur in Verbindung stehen. Die Museenwelt besitzt eine gewachsene, weit verzweigte Infrastruktur von kommunalen oder regionalen Ausschüssen sowie nationale Verbände wie dem Deutschen Museumsbund, um ihrem Auftrag der Museumsarbeit gerecht zu werden. Die ICOM ist dabei als internationaler Museumsrat und Sprachrohr ein wichtiges Instrument der internen Verständigung ihrer Mitglieder untereinander und des Dialogs mit Politik, Bürgertum und Medien nach aussen. Sie vereint fast 45.000 Museumsfachleute in über 138 Ländern. Als professioneller Dachverband dieser Größenordnung verfügt sie über ein demokratisch gewähltes Führungsgremium, Statuten, strategische Ziele und Richtlinien wie den ICOM Code of Ethics. In Deutschland gibt es 15.000 Beschäftigte in Museen, etwa zwei Drittel davon mit einer relevanten akademischen Ausbildung. Auch geben die Fachverbände Hilfestellung in der Erarbeitung eines Museumskonzeptes, was traditionsbezogen, zeitgemäss und zukunftsgerecht sein sollte. Auch gibt es mittlerweile eine Fülle von empfohlenen Museumsgestaltern, die sich durch ihre besondere Expertise in der Entwicklung von kreativen Raumgestaltungen, innovativen Choreographien sowie Licht und Medien einbringen, um Kuratoren in ihrer Museumsarbeit zu unterstützen, das Besuchererlebnis aktiver, lebendiger und informeller zu machen. Heutzutage sind Museen durch erwähnte Dachverbände und internationale Forschungsprojekte vernetzte Institutionen im Dienste der Gesellschaft, die auf eine lange Tradition zurückblicken können. Der Begriff Museum wurde schon in der hellenistischen Antike benutzt und entwickelte spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Gründung des British Museum seine heutige Bedeutung. In diesen Häusern erwartet man in der Regel Zeugnisse der Bildenden Kunst, Ethnologie und Archäologie wie Kunstgegenstände, Naturalien, technische und wissenschaftliche Objekte, sonstige Kostbarkeiten und Dokumente der Alltagskultur. Ein Museum erlaubt die Besonderheit der Auswahl, Erschließung und Präsentation unter exemplarischen und didaktischen Gesichtspunkten. Laut dem Frankfurter zukunftsInstitut existieren 55000 Museen weltweit. Die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt. Die UNESCO spricht sogar von 95.000 Institutionen. Da nur ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung in demokratischen Gesellschaften leben, sind folglich die politischen Verhältnisse in der gegenseitigen Verständigung und Abstimmung untereinander zu berücksichtigen. In Deutschland gibt es laut Museumsstatistik 2015 vom Institut für Museumsforschung 6710 Museen. Die Kosten werden jeweils zirka zur Hälfte von der öffentlichen Hand und privaten Trägern sowie Privatpersonen getragen. In der gleichen Statistik werden für das Jahr 2015 etwas über 114 Millionen Besucher in Deutschland angegeben, was einem Zuwachs von 11% seit 2005 bedeutet. Hinzu kommen Tausende von Ausstellungshäusern wie Kunsthallen, Städtische Galerien oder Präsentationsräumen von Künstlervereinigungen, die keine eigenen Sammlungen besitzen, aber wechselnde Ausstellungen musealen Charakters zeigen. Die allgemein bekannten Typen von Museen sind orts- und regionalgeschichtliche Volkskunde- und Heimatkundemuseen, Kunstmuseen, Schloss- und Burgmuseen, Naturkundliche Museen, Naturwissenschaftliche und technische Museen, historische und archäologische Museen und kulturgeschichtliche Spezialmuseen mit einer Reihe von neuen Ideen von Museumskonzepten, die durch eine anerkannte Museumsdefinition erfasst und legitimiert werden möchten. Die ICOM Museumsdefinition von 2007 lautet: „Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienste der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zwecke von Studien, der Bildung und des Genusses.“ Zum Zwecke der Überarbeitung oder Neufassung ihrer bisherigen Museumsdefinition gründete die ICOM im Jahre 2016 eine interne Arbeitsgruppe, the Committee on Museum Definition, Prospects and Potentials (MDPP) geleitet durch die Dänische Kuratorin und Museumsdirektorin Jette Sandhal, um die zeitgemässe Eignung eben dieser zu hinterfragen. Dem MDPP wurde die Aufgabe gestellt, „die gemeinsamen, aber auch die zutiefst unterschiedlichen Bedingungen, Werte und Praktiken von Museen in verschiedenen und sich schnell verändernden Gesellschaften“ zu untersuchen und sich über einen breiten Dialog „mit den zweideutigen und oft widersprüchlichen Trends in der Gesellschaft und den sich daraus ergebenden neuen Bedingungen, Verpflichtungen und Möglichkeiten für Museen“ zu befassen. Auf der außerordentlichen ICOM-Generalversammlung in Kyoto wurde am 7. September 2019 folgende Beschlussvorlage präsentiert, was für große Aufregung und vehemente Diskussionen sorgte und folgenreich mit dem Ausscheiden der ICOM-Präsidentin Suay Aksoy zu Veränderungen in den Rängen der Geschäftsführung des Verbandes führte (aus dem englischen mit Google Übersetzer): „Museen sind demokratisierende, integrative und polyphone Räume für einen kritischen Dialog über Vergangenheit und Zukunft. Sie erkennen die Konflikte und Herausforderungen der Gegenwart an und gehen sie an. Sie verwahren Artefakte und Exemplare im Vertrauen für die Gesellschaft, bewahren vielfältige Erinnerungen für zukünftige Generationen und garantieren gleiche Rechte und gleichen Zugang zum Erbe für alle Menschen. Museen sind nicht gewinnorientiert. Sie sind partizipativ und transparent und arbeiten in aktiver Partnerschaft mit und für verschiedene Gemeinschaften, um das Verständnis der Welt zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen, zu interpretieren, auszustellen und zu verbessern, um zur Menschenwürde und sozialen Gerechtigkeit, zur globalen Gleichheit und zum Wohl der Planeten beizutragen.“ Der Museologe und neue Vizepräsident von ICOM-Deutschland Prof. Dr. Dr. Markus Walz merkt an: „Eine (meist unausgesprochene) Erwartung an die Trennschärfe der Museumsdefinition betrifft den wachsenden, multiplen Wettbewerb, dem Museen ausgesetzt sind.“ 18,3% des gesamten Bundesdeutschen Kulturetats von jährlich 10,4 Milliarden Euro entfällt auf Museen, Sammlungen und Ausstellungen. Die häufigste Art der Museen in Deutschland sind mit 44% Volks- und Heimatkundemuseen, da ihre Objektbestände regional- und ortsrelevant sind. Die Publikumsfavoriten hingegen sind historische und archäologische Museen, besonders in Berlin. Die Diskussion oder Konfrontation über eine neue (erweiterte) Museumsdefinition hat sich aufs Glatteis begeben. Weil der Streit eskalierte, wurde dieser Vorschlag damals bis zur nächsten GV in 3 Jahren vertagt. Es ist auffallend, dass die ICOM in ihrem neuen pluralistischen Definitions- und Denkansatz für Museen humanitäre, umweltpolitische und planetare Aspekte aufgreift und die eigentliche Kernaufgabe und die Funktionalitäten der Museen damit entschieden unterminiert. Diese sind mit dem expliziten Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Vermitteln leicht nachzuvollziehen. Es klingt an dieser Stelle paradox und unverhohlen, «weniger ist mehr» zu empfehlen. Die Ausschmückung von Kernaufgaben in Form von gut gemeinten Begriffen und Ambitionen muß kritisch betrachtet werden, weil manche Begriffe innerhalb der Definitionen schon komplex genug sind, dass sie eigene Definitionen erfordern oder Anforderungen an und Konflikte für Stakeholder bedeuten, die aus totalitären Systemen stammend mit möglichen Repressalien ihrer staatlichen Behörden rechnen müssen. Das Wort Definition, aus dem lateinischen de·finitio, bedeutet Abgrenzung. Widerspricht das nicht dem votum, über Grenzen hinweg zu fungieren? In den letzten Jahrzehnten ist zu beobachten, dass in vielen Bereichen unserer Kultur eine Umwandlung der Aufgaben ausgelöst durch die Aneignung und Vereinnahmung von Begriffen und Schlagwörtern stattfindet, die zur politischen Korrektheit dazugehören. Es werden heute in unseren schwierigen Zeiten des Gesellschafts- und Wertewandels alle Bereiche der Kultur auf den Prüfstand gestellt. Die größten Herausforderungen sind Natur- und Umweltschutz sowie das Wohl der gesamten Menschheit, die unter disparaten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen leben muss und kein Gleichgewicht durch würdige Lebensumstände und gegenseitige Toleranz zu finden scheint. Eine rasante Wissenschafts- und Technologieentwicklung hatte in verschiedenen gesellschaftlichen und industriellen Revolutionen in den letzten 250 Jahren zu einem bemerkenswerten, exponentiellen Bevölkerungswachstum und relativem Wohlstand geführt, aber Gesundheit, Gerechtigkeit oder anhaltenden Frieden bei Leibe nicht für alle geschaffen. Allein im Kampf gegen Polio und andere oft tödliche Krankheiten, die die Ärmsten der Welt hauptsächlich in Afrika in Schach hält, beschäftigt die private Bill & Melinda Gates Foundation in Seattle allein fast 1.500 Mitarbeiter und gibt Milliarden Dollar aus. Niemand wird bestreiten, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kulturen ihre eigenen Traditionen pflegen, da sie seit Urzeiten Bedeutung und Identität als Mensch mit ihrer Gemeinschaft verbinden. Dazu gehören unverwechselbare Kulturleistungen wie Höhlenmalereien, Werkzeugen, Schmuck bis hin zu den ägyptischen Pyramiden oder der chinesischen Mauer als Ausdruck von Dauer und dem Wunsch nach hereditärem Fortbestand. Ein Eintreten für kulturelle Vielfalt fördert das Wohlergehen der Menschen. Soziale Entwicklung, Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen sowie vor den Traditionen und Kulturen und der Erhaltung der natürlichen Umwelt sind lobenswerte Initiativen. Es gibt heute so viele unterschiedliche Orte der Erinnerung wie Denkmäler, Archive oder religiöse Stätten mit historischer Ausstattung, die mit den Museen um die begehrten Etats, ihre Legitimation und Erinnerung kämpfen. Auch Globalisierung und Technologisierung ist eine wachsende Gefahr einzelner Ethnien und indigenen Kulturen, deren lebendige Bräuche, Traditionen und Geschichte durch die Zerstörung der Lebensräume und die Aufgabe ihrer Lebensweise in Vergessenheit zu geraten droht. Mit COVID-19 Pandemie ist ein neuer Schrecken der Menschheit hinzugekommen, der nach monatelanger Schließung der Großzahl aller Museen weltweit dazu geführt hat, dass viele Häuser garnicht mehr öffnen können, weil die staatlichen Mittel, so jedenfalls in Deutschland, in Form von milliardenschweren Rettungspaketen und Krediten für die elementare Versorgung der Bevölkerung und die Wiederbelebungsversuche der Wirtschaft benötigt werden. Museen leben zudem von den Einnahmen der Besucher, die jetzt wegen dem Ausbleiben von Urlaubern durch Grenzschließungen und dem Erliegen des Flugverkehrs wegblieben. Das hat schlimmste Auswirkungen auf viele Kommunen. Die digitalen Angebote wie Internetseiten, virtuelle Touren und Webinare können nur ein schwacher Trost sein, aber einen Museumsbesuch nicht ersetzen. Neben Bildung stellen Museen ja Orte der Begegnung und sozialen Bindung dar. Auch hat laut dem UNESCO Report Museums Around the World - In the Face of COVID-19 vom Mai 2020 nur die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet und wirft durch diese technologische Disparität auch Besorgnis in Genderfragen und um fehlende Angebote für Kinder auf. Genau deswegen brauchen wir diese Orte des aktiven, gesellschaftlichen Diskurses, öffentliche Treffpunkte, freie Orte der Diskussion und Erkenntnis zu den drängenden Fragen der Gegenwart und Zukunft. Die Museumsarbeit darf nicht auf Parameter wie Ästhetik, Didaktik und Wissenschaften beschränkt bleiben, sondern Interaktion und Intervention im Dienst der Allgemeinheit gleichermaßen befürworten. Ein Museum bleibt eine kulturschaffende, werteorientierte, durch die Gesellschaft getragene Institution und repräsentiert seine wohlwollenden Bürger im Hinsicht auf Herkunft, Demografie und sozialem Wandel. Diese öffentliche Begegungsstätte stellt zeitgemäße und attraktive Angebote an die Besucher basierend auf einem nachhaltigen, flexiblen Konzept und entwickelt kontinuierlich ihr Forschungsziel der Konservierung, Restauration und Kontextualisierung weiter. Innovative Techniken wie digitale Bestandsaufnahme und Datenformate sollen helfen, die Sammlungen zu pflegen und sich mit Partnern anderer Museen und wissenschaftlichen Institutionen zu gemeinsamen Projekten und im Austausch von Leihgaben, Kompetenzen und Ressourcen zu vernetzen, um engagiert und effizient das Kulturerbe der Menschheit zu bewahren und einen internationalen Rechtsrahmen im Bezug auf Provenienz und Eigentumsverhältnisse der Museumsbestände zu gewährleisten. Literaturangaben: MUSEUM AKTUELL Ausgabe 262 von 2020 UNESCO Konvention 1972 - Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt International Council of Museums (ICOM) - Internal Rules, 2017 Ethische Richtlinien von ICOM, 2010 Deutscher Museumsbund - Leitfaden zur Erstellung eines Museumskonzepts, 2011 Markus Walz, Die ICOM-Museumsdefinition für das 21. Jahrhundert - Ergebnisse der Online-Mitgliederbefragung von ICOM Deutschland zur ICOM-Museumsdefinition im Dezember 2019, ICOM, Februar 2020 Markus Walz, Der Kern der Kernaufgaben: das Mindestmaß der ICOM-Museumsdefinition als Selbstverständlichkeit, als Herausforderung, als Chance ICOM Standing Committee on Museum Definition, Prospects and Potentials (MDPP), Report and Recommendations, 2018 Statistisches Bundesamt, Kulturstatistiken, Kulturindikatoren | kompakt, Ausgabe 2019 Statistisches Bundesamt, Bildung und Kultur, Spartenbericht Museen, Bibliotheken und Archive, 2017 FAZ, Weltverband der Museen - Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, Kommentar von Patrick Bahners, 02.07.2020
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