By Hans Pfleiderer
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October 11, 2020
Vor einem halben Jahrhundert unterwarf sich die Welt im Postmaterialismus einem Wertewandel. Aufklärerisch wurden Übergeordnetes und Abstraktes sinnstiftend betrachtet. Auch war die Postmoderne in vollem Swing mit ihrer Losung: „Alles geht.“ Wissenschaft und Technik revolutionierten sich abermals und schafften einen funktionierenden Frankenstein mit bahnbrechenden Entwicklungen, die wir heute als Smarte Technologien, künstliche Intelligenz und Genetik kennen. Der Kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan sagte in seinem bekannten Werk Das Medium ist die Botschaft : „Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.“ [1] Wäre dann nicht alles Geschaffene eine Veräußerung und Erweiterung des Schaffenden? Ist Kunst und Gestaltung eine über die körperliche Grenze hinausreichende Manifestation von individuellen Ideen und Gedanken? Ging die Medientheorie im letzten Jahrhundert nicht von der These aus, Medien seien neutral und transponieren Ideen oder Ideologien frequenzgerecht in den Äther? Wie ist Wahrnehmung überhaupt zu verstehen? In der Welt der Kuratoren und Szenographen wird heute weitläufig von symphonischen Raumkonzepten und Gesamtkunstwerken in der beliebten Anwendung in Museen und Expos gesprochen, um Gegenstände und Kulturerbe in Ausstellungen zeitgemäß zu präsentieren. Informationen können z. B. mittels verschiedener Medien abgerufen werden und vermögen Kontexte zu schaffen, die dem durchschnittlichen Besucher oder dem Fachpublikum Wissenswertes vermitteln. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht es Spezialisten, die von möglichst allem eine Ahnung haben. Das hört sich fast wie ein Paradoxon an, ist aber in besungenen Fachkreisen eine Grundvoraussetzung. Die noch relativ junge Disziplin der Szenografie ringt nach wie vor um Anerkennung und Kompetenzen. Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Theater oder präziser bedeutet Bühnenbild und feierte ab den 1980er Jahren als innovativer Gestaltungshybrid und Berufstand erste Erfolge. Schnell folgten wegen der grossen Beliebtheit und Nachfrage prosperierende Studiengänge an europäischen Hochschulen. Diese Gattung besetzt mit ihren kommerziellen Berufsgestaltern die Schnittstelle zwischen Mensch und Objekt als ambitionierte Vermittler von allem, was in Museen, Messen oder Geschäften um Aufmerksamkeit kämpft. Ihnen sind keine Grenzen gesetzt in ihrer an Genialität grenzenden Kreativität und Macht, die Besuchermassen in den Bann zu ziehen. Dazu finden Methoden der Architektur, Werbung, Psychologie, Verhaltensforschung, Kommunikation, Theater, Kunst oder proprietäre Theorien und Strategien Anwendung. In der Branche werden viele bedeutungsschwere Worte gehandelt, um den geheimnisvollen Prozess der Schöpfung zu erklären und die passende Geschichte zu erzählen. So entstand ein ganz eigentümlicher Fachjargon, der von den Geisteswissenschaften beflügelt wird. Da wird rezitiert und rezipiert, mal als Sender, mal als Empfänger, da gibts Feedback, Formeln für Raum und Zeit werden errechnet und Verbindungen geschaffen wie in einer laboratorischen Versuchsanordnung, um der Wirkung der Medien auf den Mensch auf den Grund zu gehen. Aber welche Wirklichkeit meinen sie oder glauben sie zu schaffen? Im ersten Eindruck kommt das Szenografie Kompendium bunt und vielversprechend daher. Es bricht mit der Form von Einleitung, Hauptteil und Schluss. Stattdessen mutet es wie eine antike Tragödie über die Genesis der Berufskaste Szenografie an: Präludium, Prolog, Szenarium, Epilog, Nachruf. Zudem werden Überschriften wie Einblick, Rückblick, Überblick und Ausblick als Layer einer weiteren Zeitebene verwendet. Der graphische Stil des Buches spielt mit Textfragmenten, Losungen und einer Fülle Bilder. Was nicht gemacht wird, ist, mit klugen Sprüchen von Hofdenkern wie z. B. Adorno, Edison oder Einstein, die man sonst in Veröffentlichungen aus der Kreativsparte zu lesen bekommt, um sich zu werfen, mit der Ausnahme von drei kleinen Ausrutschern: ein typischer Höhenflug von Goethe, ein knapper Satz des Hermeneutikers Gadamer und ein vom Mensch entzückter Schiller [2]. Viel enigmatischer prangert am Anfang des Buches ein Ausspruch des spanischen Architekten Pedro Azara: „Die Szenografie vertauscht – verändert – die Wirklichkeit wie ein Spiegel. Sie verändert nicht nur das Erscheinungsbild, sondern vor allem das Wesen.“ Wessen ist hier gemeint? Ist das physisch oder metaphysisch zu verstehen? Die Gestalter verdingen sich als Experimentatoren, die verantwortlich auf die Wahrnehmung von Menschen einwirken. Wie verhält es sich mit der körperlichen Sensorik? Sie funktioniert visuell, auditiv, vestibulär, kinästhetisch, statisch, sensibil, taktil, trigeminal, olfaktorisch und gustatorisch [3]. Unter kognitiver Perzeption und Rezeption versteht man Zeitgefühl, Erkennen, Verarbeiten, Kontext, Systematik, Lernen, u.a. Gründe, einen Reiz verstärkt wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen sind persönliche Interessen, Erwartungen, bewusste Fokussierung sowie Schutzmechanismen auf Emotionen wie Angst, Freude, Schreck, Stress durch Reizüberflutung usw. Diese Bewertung beeinflusst die Lenkung der Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Sinnesreize. Veränderungen der Wahrnehmung geschehen implizit durch technische Geräte wie Leinwände, Optiken, Kameras, Sehhilfen, Hörgeräte oder Virtuelle Realität. Damit wird gespielt. Die Gefahr besteht in der Selbstüberschätzung der Entwickler, die Ambitionen oder einen Effekt verfolgen, mögliche negative Folgen unterbewerten und sogar vollständig ignorieren oder ein für sie notwendiges Urteil a priori gefällt haben. Das ist der Halo-Effekt (von Halo = Heiligenschein). Im Präludium beklagt die Autorin und Herausgeberin Dr. Petra Kiedaisch diejenigen, die sich suizidal mit Selfies auf der Bergspitze selbstinszenieren. Unergründlich? Wissen ist wie die Spitze des Eisbergs. Im Prolog werden mit der leitmotivischen Frage „Szenografie ist …“ Denkanstösse gesetzt. Programmatisch verspricht das Schweizer atelier oï im Auftakt „das Sichtbarmachen und Übersetzen einer Geschichte in ein dreidimensionales Raumbild“. Diese spontan anmutenden Definitionen, die von den Buchmachern als „kreative Störer“ eingesetzt werden, sollen uns in diesem Nachschlagewerk immer wieder begegnen. Regelmässig durchbrechen diese skizzenhaften Pointen von zirka drei Dutzend namhafter, meist männlicher Vertreter der Zunft aus dem deutschen Sprachraum den Fluss. Ein buchstäblich roter Faden mit roten Absätzen oder Kernaussagen zieht sich durch die glamouröse Welt der Akteure . 100 Beispiele der neuzeitlichen Gestaltungsgeschichte stehen hier für Meilensteine der Kultur der letzten 120 Jahre beginnend mit Errungenschaften der EXPO Paris im Jahre 1900. Im Szenarium kommen in 14 Kapiteln analog zu ebenso vielen Spezialgebieten zumeist Ausstellungsgestalter zu Wort. Angefangen bei Entwurfskonzepten, Dramaturgie, Interaktion, Kognition, Aktivierung aller Sinnesorgane besonders durch den Einsatz der Medien Licht, Bild, Ton und Grafik spannt sich der fachliche Bogen zu Besucherverhalten, Inklusion, Museumssicherheit und Planungsinstrumenten. Der Aufbau ist methodisch plausibel. Hier einige Highlights: Im ersten Essay des Hauptteils spricht Michael Ostertag von der Agentur Schmidhuber ausführlich über Entwurfsplanung und Kreativität mit einem Augenmerk auf Teamarbeit, Erfahrungswissen und Techniken, um Ideen zu entwickeln und zu visualisieren. Dabei ist ein individuelles Verstehen und neugieriges Beobachten der Welt eine wichtige Grundlage für das Gelingen jenes Prozesses: dem Schaffen von Neuem. Die Forscherin Tabea Schmid kommt zu dem Schluß, dass Wissen im praktischen Können liegt und favorisiert analoges Modellbauen, um mit dieser einfachen Arbeitshilfe ein Mittel zur Erklärung und Überzeugung in der Hand zu haben. Cordelia Oppliger schreibt über die Überlagerung von Kuration und Dramaturgie und wählt die Analogie eines mehraktigen Theaterstücks. Durch diese Anwendung können Exponate untereinander in komplexere Zusammenhänge gestellt werden und die Aufmerksamkeit der Betrachter bewußt gesteuert werden. Auch sie hat einen Hang zur Esoterik, wenn sie von Aura spricht, aber erwähnt rettender Weise nennenswerte Aspekte aus der Wahrnehmungsforschung. Auch im nächsten Aufsatz von Dr. Pablo v. Frankenberg sind Aura und Atmosphäre philosophisch gemeint, um die Magie der Erscheinungen zu erhellen. Die Mit-Herausgeberin Sabine Marinescu von PLOT zeigt in einem geschichtlichen Überblick auf, wie Exponate untrennbar mit Präsentationsmöbeln verbunden und einem radikalen Wandel des Geschmacks unterworfen wurden. Wurden früher unter Louis XIV. ganze Wände mit Gemälden zugepflastert und Objekte in Vitrinen verschlossen, findet man heute im Industriemuseum Chemnitz ganze Autos in Regalen wieder. Es folgen fachlich einwandfreie Beiträge zur Lichtgestaltung, dem Einsatz von Medien und der Analyse von Besuchererlebnissen. Prof. Joachim Sauter von ART+COM ist unbescholten der Meister im Fach der Interaktivität. Nicht nur bei ihm tönt der Lobgesang auf die Technik. Das Kapitel Sound, Geruch, Geschmack - die Macht der Sinne umfasst allein 30 Seiten. Besonders in der Werbung und Markeninszenierung darf heute alles genutzt werden, auch das Duftmarke-ting. Dr. Luise Reitstätter von der Universität Wien untersuchte eindrücklich das Besucherverhalten, was nicht immer mit den kuratorischen und gestalterischen Intensionen aufgeht. Die Bedürfnisse der Besucher und die Macht der Gewohnheit scheinen unbeirrbar zu bleiben und eine gewisse Lenkung des Besucherstroms ist nur mit einer gewissen Freiheit der Wahl möglich. Die nachfolgenden Kapitel sind passable Quellen für detaillierte Lösungen von Fragen der Inklusion, Sicherheit im Museum, Projektplanung, Kosten und Honorare. Im letzten Kapitel Dokumentation wird leider statt auf einen projektbezogenen Katalog inklusive technischem Leitfaden für die Betreiber zur Bedienung und fachgerechten Wartung von Anlagen mehr auf die PR Verwertung der obligatorischen Fotos in den üblichen sozialen Kanälen eingegangen. Im Epilog finden sich eine Menge wissenswerter Quellen zur Orientierung und Weiterbildung wie Webseiten, Magazine, Buchempfehlungen, Studiengänge, Institutionen, Wettbewerbe, Fachverbände, Messen und Veranstaltungen. Was kaum zur Sprache kommt, sind gesellschaftlich relevante Themen wie Gleichbereitung, Klimawandel, Kolonialismus, Rassismus, Migration, Terrorismus, Globalisierung oder Digitalisierung. Es bleibt zu bezweifeln, ob das Feel-good-Prinzip dieses Tischbeschwerers die junge Leserschaft, auf die das edukative Nachschlagwerk abzielt, auf der unwegsamen Durststrecke des Lesenmüssens abholt. Besonders Schatzsucher unter uns, die an neuen, gewagten Ideen und visionären Gedanken gefallen haben, werden bitter enttäuscht sein von den kultigen Erklärungsversuchen der Autoren. Da es um die Königsdisziplin der Gestaltungskunst, der Raffinesse und fortlaufenden Erkundung unserer menschlichen Sinne und Wahrnehmung geht, sollte man einen wissenschaftlich vertretbaren Standard der Argumente erwarten können. Wir vermuten, dass die Akteure alle Aristoteles gelesen haben, um sich auf die allgemein etablierte, immer wieder besungene Definition der Szenografie zu besinnen. Dabei werden viele Trendwörter wie Narrativ [4], Aggregat und Immersion verwendet, um die unmöglich zu beschreibenden Geistesblitze der Kreativität zu beschreiben. Dabei entdecken wir, dass die Autoren in ihrer Disziplin des Gestaltens Großartiges leisten, aber im Gedankenbauen und Schreiben leider mittelmässig abschneiden. Trotzdem nimmt die „Erzählung“ immer wieder Fahrt auf und der Leser wird mit einer thematischen Rundheit und einer Reihe fein geschliffener Texte belohnt. Diese sind in ihrer jeweiligen fachlichen Disziplin informativ und halten als empfohlener Leitfaden der einzelnen Spezialitäten - nicht coolinarisch gemeint - stand. Auch für die Erschaffung dieses aufwendigen Buches wurden viele natürliche und künstliche Ressourcen und Energie in Form von Menschen- und Maschinenzeit verbraucht. Die Spitze des Eisbergs … schmilzt. Falls nach dem Lesen Fragen bleiben, Ned Block bemerkte in seinem Buch Troubles with Functionalism : „Wie Louis Armstrong schon sagte, als man ihn fragte, was Jazz sei: Wenn du erst fragen musst, wirst du es nie verstehen.“